Headhunter
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Die Sonne ging langsam am Horizont unter, während Kaldan seinen Blick über die gewaltige Stadt schweifen lies. Das Trümmerfeld im Westen erschien im langsam vergehenden Licht wie ein bizarrer Wald aus Wänden, Backsteinhügeln und vertrockneten Bäumen ähnelnden, verbogenen Stahlträgern. Vom Osten bis weit in den Norden reichte das riesige, halb zerfallene Ghetto, Heimat der Armen, der Kriminellen und des Widerstandes. Dort herrschte Terror und Gewalt, die Mordrate lag weit über den Raten der wesentlich größeren Städte wie Groß-Berlin, Mega Angeles oder Neo-Tokio. An den schwer bewachten Grenzen dieses riesigen Molochs zu dem im Süden gelegenen Mittel- und Oberklassesektor gab es regelmäßig Aufstände der Ghettobewohner und schwere Angriffe von Rebellen oder Banden. Im Zentrum dieser Megametropole, über den Trümmern der ursprünglichen Stadt und an einem strategisch wichtigen Punkt der Grenze zwischen Arm und Reich, zwischen Wohlstand und Terror, stand der riesige "Tower of Freedom and Justice", der TFJ, das unübersehbare Machtsymbol des Regimes. Zwei Kilometer hoch, einen halben Kilometer Durchmesser, meterdick gepanzert und schwer bewaffnet, verteidigt von Elitesoldaten und schweren Geschützen bis zu Hubschrauber- und Kampfjägerstaffeln. "Rüstung 1", wie diese Stadt wegen ihrer riesigen Rüstungsfabriken hieß, war der wichtigste und größte Produktionsstandort für mittlere und schwere Waffensysteme und damit die militärisch wichtigste Stadt des Reiches. Das Geld floss reichlich, um Fabriken und Arbeiter vor Übergriffen aus den freien Zonen zu schützen, welche den Machthabern schon lange ein Dorn im Auge waren, sich aber bisher als uneinnehmbar erwiesen hatten. Kaldan sah sich durch ein Fernglas das Ghetto genauer an, aber heute waren keine Rebellen oder Plünderer zu sehen. Die Regimetruppen verließen gerade das Ghetto, denn nach Sonnenuntergang war es dort zu gefährlich für alle, die für das Regime arbeiten oder unter seinem Schutz stehen. Nur eine Sorte von Soldat wagte sich bei Nacht in das Ghetto: Die Headhunter, zu denen Kaldan ebenfalls gehörte. Sie waren freie Mitarbeiter des Militärregimes und töteten Kriminelle, Oppositionelle, Rebellen und Bandenmitglieder für Kopfgeld. Sie waren die Endlösung der Ghettofrage. In der Nacht zogen sie in kleinen Gruppen oder allein durch das Ghetto, schossen von Dächern und aus Ruinen oder taten sich zusammen, um Wohnungen oder Häuser zu stürmen. Kaldan war Präzisionsschütze, hatte eine Scharfschützenausbildung in der Armee gemacht und war nun ein freier Headhunter mit einem eigenen Sniper-7, dem besten Präzisionsgewehr, das man auf dem freien Markt bekommen konnte. Er war ein Profi an dieser Waffe und der beste Schütze des Planeten mit der höchsten Abschussquote des europäischen Kontinents. Von Regimes, Diktatoren und Staaten der ganzen Welt bekam Kaldan Jobangebote, doch bisher hätte es sich für keines gelohnt, das großeuropäische Reich zu verlassen. Kaldan schulterte sein Gewehr, ging von der Aussichtsplattform zurück in den Fahrstuhl und fuhr bis in das fünfte Sublevel, wo sein Hintermann Lukin wartete. Durch einen Gang aus dem TFJ gelangten Kaldan und Lukin in einen alten Abwasserkanal, über den sie tief in das Ghetto gelangten. Nach einem Fußmarsch von einer halben Stunde kamen sie durch ein fast völlig zerstörtes altes Wasserwerk an die Oberfläche und von dort auf das Dach eines Hochhauses, von wo sie sich einen ersten Überblick verschafften. Lukin sicherte das Dach, während Kaldan mit seinem Gewehr auf einen Schornstein kletterte und dort das riesige Zielfernrohr einschaltete. Er nahm das Gewehr wie eine Panzerfaust auf die Schulter und aktivierte das Standard-Suchprogramm. Ein 360º-Schwenker, der das gesamte Suchgebiet umfasste, reichte, um sämtliche Daten zu sammeln. Das Analysemodul zeigte drei weitere Headhunter, zwei Scharfschützen der Rebellen, drei Straßenkämpfe und 65 Passanten, was jede Menge potentieller Gefahren, aber auch potentieller Schussprämien bedeutete. Der zweite Scharfschütze war nur einen Kilometer entfernt. Er stand hinter dem Fenster eines ersten Stockwerkes und beobachtete die Straße unter sich. Er hatte einen Kopfhörer auf, der zu einem mp4-Player führte. Auch er konnte kein Profi sein, denn Musik war eine zu große Ablenkung. Kaldan sah auf die Mundbewegungen und musste lächeln, weil er das Lied erkannte: Es war "Headhunter" von Front 242. Der Scharfschütze sang gerade den Chorus, den auch jeder Headhunter kannte: "One - You lock the target, Two - You bait the line, Three - You slowly spread the net and four - You catch the man". Für die Headhunter auf den Straßen mochte das gelten, aber bei den Scharfschützen hieß es einfach "find the target, kill the man". Anvisieren des Kopfes, Schuss, Tod. Das Gewehr war mit dem Headhunter-Zentralrecher im neutralen Island verbunden. 5.000 Eurodollar wurden ihm auf einem Isländer Konto gutgeschrieben, denn der Tote wurde über ein Standbild der Gewehrkamera als Torak Killem, Mitglied des Killem-Clans identifiziert. Der Killem-Clan wohnte im Norden in einem Trümmergebiet des Ghettos. Die Killem's waren Kannibalen und kamen auf ihren Jagdzügen oft tief in den Süden bis in Sichtweite des TFJ. Das Militär zahlte 5.000 ED für jeden toten Killem, da ihnen schon mehrere Hundert Soldaten zum Opfer gefallen waren. Lukin hatte einen Enterhaken zu einem benachbarten Gebäude geworfen, also kletterten sie weit über dem Boden über die Straßenschlucht und von dort über einige weitere Dächer auf eine Kirche. Der große Kirchturm in diesem Bezirk war über 1.000 Jahre alt, sehr massiv gebaut und als Versteckt für Scharfschützen bekannt, seit seiner ständigen Bewachung durch Milizen galt er aber nicht mehr als Gefahr. Kaldan war Spezialist darin, sich an solchen Orten zu tarnen. Seit zwei Jahren schon stieg er schon hier hoch, aber nie hatte ihn jemand entdeckt, und nie konnte Lukin den Turm nicht sichern. Der Erste war ein Rebellenposten auf einem Dach. Für einfache Rebellen gab es 500 ED. Das war zwar nicht die Welt, aber immerhin das zehnfache des Wertes der abgeschossenen Patrone. Besonders bei Posten auf dem Dach war das Risiko gering, ihr Verschwinden wurde meist nicht bemerkt. Kaldan visierte ihn an und schoss in den Kopf. Der Posten fiel nach hinten weg und würde wohl einige Zeit dort liegen, bis ihn jemand entdeckte. "I'm looking for this man to sell him to other men." Die 500 ED wurden ihm gutgeschrieben und er nahm das nächste Opfer ins Visier, ein Gangmitglied namens Kill-R. Er war ein Mitglied der Wasps, welche den gesamten Drogen- und Waffenhandel in diesem Sektor kontrollierten. Für Wasps gab es 1.000 ED, aber für Kill-R das doppelte, weil er Militärs getötet hatte. Kill-R ging in ein Haus und erschien kurz darauf an einem Fenster, wo er mit einem anderen Mitglied der Wasps redete. Kaldan zögerte nicht lange und schoss durch das Fenster im Abstand von einer Sekunde beiden in die Köpfe. "I'm looking for this man to make us rich and famous." Vor dem Haus hatte niemand etwas bemerkt und auch in der Wohnung schien sonst niemand zu sein. Von der Kirche gelangten Kaldan und Lukin über die Abwasserrohre zu einem Hochhaus, das einige hundert Meter entfernt war. Vom Dach aus hatte Kaldan eine gute Aussicht und außerdem sieben Ziele zur Auswahl. Als erstes wählte er einen schlecht getarnten Scharfschützen im Fenster einer alten Schule, 1.200 Meter entfernt. Es war der Headhunter Thor Riken, der inzwischen für die Rebellen auf Jagd ging und auf den deshalb seit heute ein hohes Kopfgeld ausgesetzt war. Kaldan kannte Thor und wusste, das dieser ihn ebenso töten würde, doch heute würde Thor sterben. Kaldan nahm ihn ins Visier und setzte das Fadenkreuz auf dessen Stirn. Er konzentrierte sich von neuem auf sein Sichtfeld, als plötzlich mehrere Explosionen aufblitzen und die Stille der Nacht durchbrachen. Schon kurz darauf traf die Meldung ein, dass die Rebellen eine Offensive gestartet und den TFJ und die riesigen Militärlager um ihn herum unter Beschuss genommen hatten. Kaldan richtete sich auf, denn dieses Schauspiel wollte er nicht versäumen. Der Tower of Freedom and Justice ragte majestätisch in den Nachthimmel, der von Explosionen, Bränden und dem Halbmond erhellt wurde. Er wurde von vielen hundert Granaten getroffen, aber seine Panzerung war zu massiv, um nachzugeben. Als der Rebellenbeschuss nachliess, holte die TFJ-Abwehr zum Gegenschlag aus und aktivierte die zweihundert schweren Plasmakanonen. Die zwanzig Meter großen Türme fuhren aus ihren Bunkern auf der gesamten Oberfläche des TFJ heraus, welcher nun wie ein riesiger Kaktus aussah. Die Plasmakanonen begannen sofort zu feuern und legen mehrere Quadratkilometer in Schutt und Asche, neben den Rebellen und ihren Geschützen auch viele Notunterkünfte. Die Kanonen fuhren in das TFJ zurück und mehrere Bomberstaffeln überflogen das Gebiet, um mit Napalm und Phosphor die Überlebenden zwischen den Trümmern und in den zerstörten Häusern wegzubrennen. Nach diesem beeindruckenden Erlebnis konzentrierte sich Kaldan wieder auf den Sektor in seinem Blickfeld, wo er jetzt ein neues Objekt registrierte. Für einen Moment glaubte er, seinen Augen nicht trauen zu können, als das Analysemodul einen Todesengel meldete. Er sah sich die Gestalt, welche die Straße entlang lief, genauer an, der Computer sollte Recht behalten. Inzwischen hatte Kaldan auch die Daten über den Todesengel aus der Datenbank erhalten, die wie üblich aber sehr dürftig waren: Es war Azrael. Jeder kannte den Todesengel Azrael, der im Alleingang den Aufstand der hungernden Ghettobevölkerung von Nahrung 5 niedergeschlagen hatte. Nur eine Stunde hatte er benötigt, um 700 Rebellen und über 3.000 weitere Aufständische zu töten. Die Munition ging ihm nach kurzer Zeit aus, aber mit zwei Schwertern mähte er die Menschen nieder wie der Sensenmann persönlich. Zuletzt war Azrael in Stahl 12 im Bundesstaat Skandinavien stationiert, deshalb hatte Kaldan keine Erklärung für dessen plötzliches Auftauchen in Rüstung 1. Azrael war eine beeindruckende Erscheinung: 2,20 Meter groß und 150 Kilogramm schwer; eine waffenstarrende, schwergepanzerte Festung auf zwei Beinen. In den U-Bahnschächten kam man schnell voran, wenn man sich auskannte. Risiko war aber immer dabei. Die Freaks im Untergrund konnte man als Headhunter zwar leicht beseitigen, aber es kostete wertvolle Zeit. Also nahmen die beiden Headhunter einige Umwege und kamen schließlich unter einem Hochhaus hervor, welches in einem großen, vom TFJ nicht einsehbaren Tal stand. Kaldan entdeckte in zwei Kilometer Entfernung ein Rebellencamp und suchte die Posten. Er brauchte etwa eine Minute, um die drei Posten zu erledigen, kurz darauf meldete sich Lukin über Funk. Zwei Killems stiegen gerade die Treppe hinauf, vermutlich suchten sie nach Scharfschützen. Lukin war Profi, er hatte sich bereits an der perfekten Stelle aufgestellt und war getarnt und feuerbereit, falls Kaldan versagen sollte. Er als Scharfschütze hatte das Vorrecht darauf, Eindringlinge in seiner Stellung zu töten, und Kaldan bestand auf dieses Vorrecht. Er schaltete das Gewehr von Distanz auf Nahkampf um, woraufhin die Schulterstütze zurückgezogen und die Munition gewechselt wurde. Er ging in das Treppenhaus und sah vorsichtig über das Geländer: Drei Stockwerke unter ihm waren tatsächlich zwei Killems, welche die Treppen hinaufstiegen. Sie hatten selbstgemachte Kleidung aus Menschenhaut an, waren zum Großteil mit Blut bedeckt und mit Maschinengewehren und Schlachtermessern bewaffnet. Als sie den letzten Treppenabsatz hinaufkamen, feuerte Kaldan mehrere gezielte Schüsse ab, welche die Killems gegen die Wand schleuderten; sie waren sofort tot. Kaldan und Lukin gingen durch die Straßenschluchten eines Ruinenviertels in Richtung Nordwest in eine noch bewohnte Vorstadt, die aber inzwischen mit Rüstung 1 verwachsen war. Einige Feuer brannten in den Häusern und auch Menschen waren um diese Zeit noch anzutreffen. Eine Gruppe Jugendliche saßen am Straßenrand und injizierten sich Neurotrips in die Sehnerven. Es konnten keine guten Trips sein, denn als sie die Headhunter erblickten, brach Panik aus. Einer stürmte schreiend mit einem erhobenen Messer auf Kaldan zu, doch Lukin zerschmetterte ihm mit einem Dum-Dum-Geschoss den Schädel. Die anderen rannten weg, aber einer zögerte. Dann zog auch er ein Messer, schlitze sich damit aber selbst die Kehle auf. Am Rande des nur wenig zerstörten Wohnviertels stiegen sie wieder in einen Kanal. Eine Viertelstunde und zwölf tote Freaks später gelangten die Headhunter zu einem hohen, unbewohnten Haus auf einer Anhöhe, welches einen guten Blick über die darunter liegenden Straßen, Häuser und Plätze bot. Lukin durchsuchte das Haus, während Kaldan auf dem Dach in Stellung ging. Der Scan ergab einige Rebellen auf dem Dach einer alten Fabrik und dem mit hohem Stacheldrahtzaun umgebenen Gelände. Kaldan nahm zuerst die zwei Rebellen auf dem Dach ins Visier und erledigte sie mit zwei sauberen Kopfschüssen. Plötzlich quietschte etwas in Kaldans Kopfhörer auf, das ihn hochschrecken ließ. Luzifer stellte eine Funkverbindung her, was, wie der Datenbankzugriff zuvor, bisher keinem Todesengel gelungen war. Dann hörte Kaldan zum ersten mal die Stimme Luzifers, was bisher nur die wenigsten Menschen überlebt hatten: "Du bist also Kaldan, der Scharfschütze. Ich habe von dir gehört als Kaldan der Jäger." Der Jäger. So nannte man ihn in der Anarcho-Sowjetischen Union und in den freien Enklaven der sibirischen Wälder. Im Auftrag des Großsowjets hatte er vor längerer Zeit Spione und Attentäter der konterrevolutionären weißen Truppen aufgespürt und erlegt. "Das Schicksal muss auf unserer Seite sein, wenn es uns heute Abend den besten Scharfschützen dieses verdammten Planeten zur Seite stellt." Kaldan wusste nicht, wovon Luzifer sprach, aber ihm war klar, dass er gerade einen Auftrag erhalten hatte, den er niemals ablehnen könnte. Bei dem geringsten Widerwort würde er dieses Dach nicht lebend verlassen, denn niemand handelte gegen Luzifer Willen. "Wir werden jetzt in den Rebellenstützpunkt gehen und etwas holen. Bis wir fertig sind, wirst du uns von dort oben den Rücken freihalten. Danach werden wir nach Norden fliegen und dir deinen neuen Auftrag erklären." Luzifer brach den Kontakt ab und aktivierte seine Waffensysteme. Die Gewehre luden durch, die Energiewaffen wurden aufgeladen und die Klingen gingen in Kampfstellung. Samael legte einen Munitionsgürtel in seinen Raketenwerfer und Azrael steckte eines seiner Schwerter als Bajonett auf seinen Plasmabeschleuniger. Dann traten aus der Tür Luzifers biomechanische Höllenhunde, die zwei kybernetischen Kampfroboter Phobos und Deimos. Sie bewegten sich auf vier Beinen und hatten eine Schulterhöhe von einem halben Meter. Mit Feuerwaffen, Messern, Nervengas und Reißzähnen waren sie eine perfekte Waffe gegen Infanterie, in größeren Herden hatten sie auch in Afrika und Asien beim Umlenken von Flüchtlingsströmen ihre Qualitäten bewiesen. Eine Viertelstunde später waren die fünf Headhunter in einem Hubschrauber auf dem Weg in Richtung Norden. Samael steuerte die schwere Maschine, Azrael war mit Kaldan und Lukin im Laderaum untergebracht und Luzifer saß in einer Außenkanzel des Hubschraubers mit einer schweren FLAK und zwei Dutzend Luft-Boden-Raketen. Luzifer liebte es, mit radioaktiven Leuchtspurgeschossen und panzerbrechenden Raketen auf Flugabwehr, Panzer, Autos, Häuser und Menschen zu schiessen, nur so zum Spaß. Kurze Zeit später landeten sie in einem Tal und stiegen dann auf einen Hügel, von welchem aus sie den Eingang zu dem Komplex und die Wachtürme erkennen konnten. Kaldan ging in Stellung, Lukin sicherte die Umgebung und die drei Todesengel gingen durch den dichten Wald in Richtung des Einganges. Die Posten waren durch das Zielfernrohr deutlich zu erkennen. Kaldan speicherte ihre Positionen und der Präzisionschip übergab die errechneten Daten an die Laufkorrektur und die Lenksteuerung der Patronen. Die Entfernungen betrugen 1.437 bis 2.063 Meter, was für ihn kein Problem war. Die Schwierigkeit lag darin, das es möglichst schnell gehen musste. Seine Wunschzeit lag bei zehn Sekunden, in dieser Zeit könnten die Posten selbst dann nur schwer Alarm auslösen, wenn sie Augenzeuge bei einem Treffer wären. Aber Kaldan rechnete eher mit fünf Sekunden pro Turm, also mit Puffer eine halbe Minute Präzisionsarbeit. Den entferntesten Turm hatte er bereits im Visier und der Posten war dank hochauflösender Optik bestens zu erkennen, als Luzifers Signal ihn erreichte. Jetzt lag alles bei Kaldan, er aktivierte das hydraulische Zweibein und sendete ihm die Turmkoordinaten. Eine letzte Schnellanalyse informierte ihn über die aktuellen Standpunkte der Posten in den anderen Türmen, dann wurde es ernst. Turm 1 bei 2.063 Meter, der Posten blickte gerade mit dem Fernglas auf den dunklen Wald hinaus. Kaldan überprüfte kurz die letzten Daten, atmete aus und schoss. Sekunden später durchschlug die Kugel das Panzerglas und zerschmetterte den Schädel des Soldaten. Der Analysechip registrierte den Tod des Mannes und steuerte den Lauf zum nächsten Ziel. Luzifer empfing Kaldans Freigabe und verließ mit Azrael und Samael die Deckung, um das Eingangstor einzuäschern und in die Felsenfestung einzudringen. Hinter der mächtigen Haupttür konnte sie nichts und niemand mehr aufhalten, mehrere Tausend Soldaten verloren in den Korridoren und den schmalen Gängen ihr Leben. Samael holte aus den Laboren biologische, chemische und kybernetische Proben und Azrael lud gigantische Datenmengen aus dem Hauptrecher herunter. Luzifer schlachtete einige misslungene Genexperimente und deren Erschaffer ab, danach den Kommandanten des Komplexes. Luzifer öffnete eine Steuerkonsole an seinem linken Unterarm und aktivierte einige Zünder. Gewaltige Explosionen erschütterten daraufhin die Erde und riesige Feuerbälle schossen in den Himmel und erhellten die Nacht. Dann wandte er sich an Kaldan: "Deinen Anteil bekommst du auf ein Isländer Nummernkonto. Wir werden zur Küste fliegen und mit einem amerikanischen U-Boot verschwinden. Und du solltest zurück nach Rüstung 1 gehen, immer Richtung Süden. Der TFJ ist kaum zu übersehen, wenn du erst wieder weit genug im Ghetto bist." Zusammen mit Azrael und Samael verschwand er dann im Wald, um mit dem Hubschrauber nach Norden in Richtung Küste zu fliegen, Kaldan glaubte nicht, dass sie es schaffen würden. Selbst, wenn vor der europäischen Küste ein feindliches U-Boot warten würde, müsste dieses noch den atlantischen Ozean durchqueren, und der stand immerhin zur Hälfte unter europäischer Kontrolle. Aus dem Wald erhob sich ein Kampfhubschrauber und brach nach Norden auf. Im Süden waren Kampfjäger, Hubschrauber und schwere Kettenfahrzeuge zu hören, aber noch weit entfernt. Kaldan sah sich Lukin an, der in zwei Teilen auf dem Boden lag. Obwohl er ihn schon lange kannte, hatte er ihn nie als Freund betrachtet, das war bei diesem Job sehr hilfreich und auch üblich. Keine Trauer, kein Schmerz, nur die lästige Suche nach einem neuen Hintermann. Er nahm Lukins M-250, einige andere Waffen und persönliche Sachen an sich und warf einen Blick auf sein GPS. Es waren fast 100 Kilometer bis zum TFJ, davon 30 durch teilweise verseuchtes militärisches Sperrgebiet und tiefen Wald, der Rest durch das Ghetto: Das Land der Rebellen, brandschatzenden Banden, misslungener Genexperimente, Freaks, Sekten, Kannibalen und der Headhunter. |