Runkensteins Wortkatakomben

Texte aus den tieferen Gefilden des Verstandes
lustig/absurd, düster/kafkaesk, surreal/grotesk


Herr von Runkenstein

sind lustig-absurde Texte, die ich seit 2001 schreibe und Hauptbestandteil meiner Poetry-Slam-Beiträge sind. Es sind die absurden Abenteuer eines seltsamen Zeitgenossen, dessen Größenwahn, Verleugnung der Naturgesetze und zeitweilige Omnipotenz in Verbindung mit unzähligen politischen, gesellschaftlichen und popkulturellen Anspielungen zu Kurzgeschichten der absonderlichsten Art führt.

Ein Fressen für den Psychiater

sind düstere, groteske Texte, die ich unregelmäßig seit 2004 schreibe. Sie handeln von Alpträumen, Ängsten, Verzweiflung, Sucht, Gewalt und Depressionen; gezeichnet in melancholischen Wortgemälden und apokalyptischen Alptraumszenarien.

Lyrik

sind teils lustige, teils ernste Gedichte über Eichhörner, Nazispinnen, Bäume, Raumschiffe, den Weltuntergang, Jahreszeiten und andere Begebenheiten des alltäglichen Lebens.

Prosa

sind Kurzgeschichten, die zwischen 1998 und 2006 entstanden; die meisten 2001 während der Hochzeit von Psycho Poetry, eine heute nicht mehr existierende Seite für düstere Literatur.

About

sind Informationen über mich und die CC-Lizenz sowie das Impressum. Über Spenden würde ich mich freuen.



Lasst alle Hoffnung fahren

(Das sechsunddreißigste Fressen)

Einst glaubte ich an Utopia. Die Zukunft wird besser, so hieß es immer. Science-Fiction malte uns schöne Bilder von fortschrittlicher Technik in modernen Gesellschaften. Armut, Hunger und Hass sollten verschwinden.
Wir glaubten an den Traum, doch dann erwachten wir, und draußen war es noch immer dunkel. Niemand hatte mehr Hoffnung auf eine bessere Zukunft und alle Utopien waren vergessen.
Die Gier hatte übernommen und Hass gesät. Und als wir die verdorbene Ernte einfuhren, war es zu spät. Alle Wege führen nach Dystopia.

Manche träumen noch immer, und ich beneide sie. Vielleicht sollte ich mich wieder schlafen legen.


ewig wachsen, niemals leiden


Zwischen Zeit und Überraum
wird stehen einst ein kleiner Baum
dürre Äste werfen weit
schwarze Blätter in die Ewigkeit
alte Wurzeln ziehen tief
durch das dichte Felsmassiv
wird Äonen dort nur stehen
hört die Welt um Gnade flehen
Bitten um Erlösung hören
sich daran nicht weiter stören
kann nur stehen, sehen, lauschen
sich an Stein und Wind berauschen
niemals still und friedlich sterben
keine Ahnen, keine Erben
nur Dunkelheit von allen Seiten
niemals wachsen, ewig leiden


Herr von Runkenstein wandert im Netz (#278)

Nachdem Herr von Runkenstein über einen Rechtschreibfehler gestolpert und von einer Klippe gefallen war, nahm er sich vor, den Aufschlag auf dem Boden zu verhindern, indem er sich der Realität verweigern würde, was auch sehr gut funktionierte, aber leider dazu führte, dass sich die Realität an ihm rächte, indem sie ihn in ein Spinnennetz fallen lies, welches dreimal so groß wie das Saarland war (1.079.726,89 Fußballfelder) und natürlich zu der Frage führte, welche Abscheulichkeit ein Netz dieser Größe gebaut haben könnte.

Da das Netz nicht klebrig war, machte Herr von Runkenstein sich auf dem Weg zum Rand und traf unterwegs ein Roboter-Einhorn, welches ebenfalls durch einen Realitätsspalt hier gelandet war und nun mit einem Laserstrahl versuchte, die Fäden zu zerschneiden, was ihm aber nicht gelang, weil der Laser aus dem Einzelhandel stammte und deshalb ungefährlich ist.
Zwar war das Einhorn in einer Endlos-Schleife gefangen, doch Herr von Runkenstein konnte es mit seinem Schallschraubenzieher daraus befreien und ritt dann auf ihm in Richtung Sonnenuntergang, um nach einigen Stunden festzustellen, dass es sich dabei nicht um die Sonne handelte, sondern um eine große Energiesparlampe, welche gerade mit einer Schaufel auf einen toten Dachs einschlug und diesem vorwarf, ein Agent Moskaus zu sein, was sie kurz unterbrach, um Herrn von Runkenstein den Weg zum Ausgang zu zeigen.

Stunden später erreichte Herr von Runkenstein tatsächlich den Ausgang des Netzes und traf dort auf den Torwächter, welcher verkündete, dass er nach Datenpakete aus unsicheren Quellen nicht passieren ließ, weshalb Herr von Runkenstein den Geschäftsführer zu sprechen verlangte, worauf der Torwächter nachgab und ihn mit einem Laserscanner abtastete, ent-digitalisierte und von einem 3D-Drucker in der bekannten Realität ausdrucken lies, wo Herr von Runkenstein auf das ebenfalls ausgedruckte Roboter-Einhorn traf, auf welchem er nun nach hause ritt und sich darüber freute, dass sein Ausflug in das Internet so glimpflich ausgegangen ist.


Herr von Runkenstein geht auf Eisfachexpedition (#277)

Nachdem er beinahe von einem drei Meter langen Eiszapfen aufgespießt wurde, beschloss Herr von Runkenstein, dass es mal wieder Zeit wurde, den Kühlschrank zu enteisen, weshalb er sich seine Polarausrüstung anlegte und mit Schlittenhunden und Flammenwerfer die lange Reise zu dem entlegenen Temperaturkontrollmodul auf sich nahm, welches sich in den Gletschern des Eisfachgebirges versteckt hielt und dort einen totalitären Langnese-Kult errichtet hatte, der Calippo und Ed Von Schleck anbetete und immer wieder Milchschnitten aus dem tiefer gelegenen Gemüsefach entführte und in grausamen Ritualen dem Milchjieper opferte.

Zwei Wochen später hatte Herr von Runkenstein das Hochland erreicht und seine thermonuklearen Mitbringsel verteilt, als ein Großangriff der Eiskultisten seine Pläne durchkreuzte und ihn dazu zwang, in Notwehr hunderte Schneemänner mit dem Flammenwerfer zu schmelzen, bis das Benzin zuneige ging und er mit Eispickel und Schneebällen weiterkämpfte, bis er in eine Gletscherspalte stürzte und endlich in Sicherheit war.

Am Grunde der Gletscherspalte traf er eine seltsame Reisegruppe aus Faultier, Säbelzahntiger und Mammut, die sich anscheinend vor Jahrtausenden verlaufen hatten und der Meinung waren, sich in der Eiszeit zu finden, was Herr von Runkenstein versuchte ihnen auszureden, bis er feststellte, das die Sternbilder sich verändert hatten, was bedeuten musste, dass er durch die Gletscherspalte sein Kühlfach verlassen und in die Eiszeit gerutscht war, was ihm jedoch nicht zum ersten mal passierte.

Um wieder nach hause zu kommen, musste er zurück durch die Gletscherspalte klettern, was ihm jedoch zu anstrengend war, weshalb er stattdessen einen Sprengsatz, den er noch bei sich trug, zündete und dann auf der Explosionswelle zurück in heimische Gefilde surfte, was viele Leser als unrealistisch empfinden, aber dennoch nicht verleugnen konnten, dass dies eine sehr praktische Methode war.

Zurück in seinem Eisfach traf Herr von Runkenstein kurz darauf das Temperaturkontrollmodul, welches sich versöhnlich zeigte und in Verhandlungen anbot, das Flachland von den Eismassen befreien zu lassen, wenn es dafür die Kontrolle über die Gebirgsgletscher behalten konnte. Schließlich einigte man sich noch auf ein Milchschnittenopfer pro Monat sowie den Abbau der nuklearen Schnellerwärmungssprengsätze; kurz darauf wurde der Vertrag in einer feierlichen Zeremonie unterschrieben und Herr von Runkenstein kehrte zurück in seine Küche, wo er nun endlich seine vor Wochen gekaufte Tiefkühlkost einlagern konnte, die zwar ein wenig angetaut, aber sonst noch ganz okay war.
Außerdem legte er noch eine Packung Milchschnitten in das Gemüsefach, die sich dort mit den Spirituosen anfreundeten und von ihrem grausamen Schicksal nichts ahnten.


Gibs auf

(Das fünfunddreißigste Fressen)

Und so kam der Tag, an dem ich keine Kraft mehr fand, es weiterhin zu versuchen. Ich gab auf, ließ alle Hoffnung fahren, ergab mich meinem Schicksal. Endlich fand ich meine Freiheit, das Ende ständiger Enttäuschungen. Natürlich, es war eine bittere Freiheit, und keinesfalls war ich stolz oder glücklich. In einer Welt, in der Erfolg und Selbstverwirklichung die höchsten Ziele des Menschen sind, ist Kapitulation nicht einfach nur eine Niederlage; es ist das eingestehen des eigenen Versagens, der Verlust des Menschseins selbst.

Doch zum Glück trage ich wie alle eine Maske, mit der ich vortäuschen kann, noch immer einer der ihren zu sein. Niemand soll erkennen, dass ich unter dem Menschenkostüm ein Niemand bin.


Nazispinnen from outer Space


Ein UFO aus dem fernen All
landet mit 'nem großen Knall
die Tür geht auf, wir haben hier
'nen Nazispinnenoffizier!

Der gute Mann erklärt der Welt
er käme von 'nem Nazistern
dort herrschen Sauberkeit und Ordnung
und Adolf Hitler hat man gern

Die Nazispinnenarbeiterpartei
hat ihn geschickt auf diese Welt
man nennt sie auch NSAP
und Spider-Uwe Mundlos sei ein Held

Man sei nun also hier
um alle Untermenschen zu vernichten
weil der Spinnenhitler sagt
auf Primaten könne man verzichten

Und schon beginnt der große Krieg
die Nazi-UFOs greifen an
sie feuern auf alles, was sich bewegt
Doch statt Blitzkrieg nur Untergang

Denn ein Detail hat man übersehen
die Nazispinnen sind eher klein
Sie reichen nur bis an unsere Zehen
Und ihre UFOs bis an unser Bein

Dank unseren riesigen Superwaffen
war dieser Krieg sehr leicht zu gewinnen
mit Zeitungen und Fliegenklatschen
erschlugen wir alle Nazispinnen!


Gedankenfragmente

(Das dreiunddreißigste Fressen)

Verlorene Tage, erfüllt von dem ticken sterbender Sekunden. Herzen schlagen und pumpen zähflüssiges Blut, doch dieses gerinnt in staubigen Adern. Die Luft steht still, wie eingefroren, und Kälte beißt tief in die Haut. Eiskalt zerfallen meine Gedanken zu scharfen Splittern und rieseln glühend zu Boden, um im Schlamm zischend zu versinken. Suizidales Insektengetier kriecht durch die Ohren in meinen Kopf, um Todesgedanken auszuspeien. Dichter Nebel frisst die Sicht, aber von dem Weg bin ich schon lange abgekommen. Ein blutgetränkter Adler fällt von Himmel, doch sein lautloser Schrei trifft nur auf taube Ohren. Er zerschellt auf den Knochen vergessener Vorfahren und warmes Blut spritzt in meinen Mund und schmeckt nach Rost. Körper ohne Seelen wandern durch die ewige Dunkelheit und halten sich für Lichtgestalten.
Warum kann ich nicht sein, was ich bin? Und was bin ich? Die Menschenmaske wiegt schwer und schneidet ins Fleisch. Ich will mehr sein, aber auch Nichts, denn die Existenz wird überschätzt. Sinnlos ziehen wir durch diese Welt; die einen trampeln, die anderen schleichen. Doch jeder Fußabdruck wird früher oder später zermalmt von den Kräften der Zeit.


Ein Tag am Meer

(Das vierunddreißigste Fressen)

Ein kleines Boot, bei Nacht im Sturm, zum bersten gefüllt mit Menschen. Dürre Leiber eng aneinander geschmiegt; schwache Arme halten kleine Kinder, und Wellen hoch wie Häuser stürzen sich auf sie wie hungrige Raubtiere.
Regen prasselt in durstige Münder und Blitze krachen in Wasserberge, während Schreie ungehört in der Nacht verhallen.
Die letzte Welle trifft das Boot wie ein Gebirge und begräbt es unter sich, während die Menschenmassen ineinander verdreht und verzerrt werden, während Knochen zerbrechen und Körper zerquetschen zwischen Fleisch, Holz und Metall in einem Strudel aus Salzwasser, Tränen und Blut.
Versinken in der Tiefe, während sich Lungen mit Wasser füllen und Schreie verstummen im Dunkel der Nacht.

Am Morgen ist das Meer wieder ruhig, und im strahlenden Sonnenschein treiben unzählige Körper auf der spiegelglatten See.


Herr von Runkenstein wird mit Nüssen beworfen (#276)

An einem fröhlich-heißen Sommertag lag Herr von Runkenstein in einer Hängematte in seinem Garten und schlürfte heißen Kaffee durch einen Strohhalm, als plötzlich ein Eichhörnchen daherkam und ihn völlig grundlos mit Nüssen bewarf.

Herr von Runkenstein war ob dieser unprovozierten Attacke völlig perplex und drohte dem Hörnchen mit Konsequenzen unvorstellbaren Ausmaßes, doch der Nager blieb davon unbeeindruckt und vollführte stattdessen ein dämonisches Blutritual, welches aus dem Eichhörnchen ein Einhörnchen machte und bis in das entfernte R'lyeh spürbar war, wo ein schlafender Dämon kurzzeitig erwachte, um auf die Toilette zu gehen.

Das Einhörnchen hingegen warf nun mit schwarzer Magie um sich und beschwörte die Mächte der Finsternis, jedoch ohne zu ahnen, dass Herr von Runkenstein dies bereits einige Nächte zuvor getan hatte, weshalb die dunklen Mächte verwirrt waren und sich nicht einmischen wollten.

Herr von Runkenstein hingegen hatte nun genug und forderte eine Erklärung, worauf das Einhörnchen ihm vorwarf, sich an seinen Nussvorräten vergriffen zu haben, was Herr von Runkenstein bestätigte und auch nicht bereute, da die Nüsse in seinem Garten vergraben waren.

Das wütende Einhörnchen verlange die Rückgabe, doch Herr von Runkenstein verweigerte dies; daraufhin kam es zu einem Handgemenge, in dessen Verlauf eine heilige Handgranate gezündet wurde, deren Detonation Teile des Garten verwüstete und die dunkle Magie aus dem Einhörnchen hinaustrieb, worauf dieses auf einen Baum kletterte und von dort aus den restlichen Sommer lang mit Nüssen warf und Herrn von Runkenstein verfluchte, was diesen jedoch kaum beeindruckte, weil Eichhörnchenflüche eher putzig sind und meist zum Inhalt haben, dass die verfluchte Person keine Nüsse mehr finden solle, worüber Herr von Runkenstein sich aber keine Sorgen machte, da er ja ständig mit diesen beworfen wurde.


Utopia ist gefallen

(Das dreißigste Fressen)

Im Winterregen stand ich in einem Gebirge aus Eisen und Stein. Ich starrte in die Ferne auf einen Punkt am Horizont, und ich wusste: Dies ist die Zukunft, die mich erwählt hatte. Sie strahlte wie Plutonium statt Sonnenschein und erzeugte eine diffuse, düstere Beklommenheit, so grau und schmutzig wie der Schlamm längst zerfallener Städte.
Und diese Zukunft näherte sich mir, mal offen, mal verdeckt; schlich sich heran wie ein Wolf auf der Jagd, wie ein Hai in der Tiefe hatte sie mich gewittert und wollte mich zermalmen, denn diese Zukunft war keine schöne; es lag kein Glück in ihr, keine Wärme, keine liebende Familie und kein Haus im Grünen; Es war eine Dunkelheit aus schwarzen Wolken voller giftiger Pestilenz, Krieg und Kälte, aus Flucht und Vertreibung, Hunger und Angst; während dunkle Schatten sich über die Seelen der Menschheit legen und sie langsam ersticken.

Einst glaubten wir an Utopia, auf dessen Trümmern ich heute stehe, und der Blick in die Ferne lässt mich frieren.


fragment 6


Manchmal bin ich erfüllt von eine tiefen Leere. Ein unendliches Schwarz, welches sich in meinem Inneren ausbreitet und alle Gefühle und Wünsche verschluckt. Zurück bleibt das Bewusstsein einer reinen Existenz ohne Sinn und Hoffnung und ein Geschmack von Traurigkeit verbreitet sich an den Rändern des Nichts.


Die Welt in vier Akten


Im Frühjahr taut und alles sprießt
der Nektar aus dem Boden fließt
Die Reiche stehen fest im Sand
erbaut von Sklavenmenschenhand
wie man in alten Büchern liest

Im Sommer ist die Blütezeit
und jeder Mensch weltweit bereit
Im Sonnenschein die Haut gesonnt
doch Wolken schwarz am Horizont
Der Sturm droht dunkel: Schmerz und Leid

Im Herbst nicht nur die Blätter fallen
auch Bomben blitzend töten, knallen
Der Krieg verbrennt die Luft und Erde
metzelt Leben, Streben, Werte
Dann nur noch Stillen widerhallen

Der Winter wird jetzt nuklear
nichts ist mehr so, wie es mal war
der schwarze Schnee strahlt kalt und tot
der Horizont blutdunkelrot
bis bald zum Frühling, nächstes Jahr


fragment 3


In einem Wald aus inneren Organen ging ich spazieren, ein pochendes Herz klopfte laut strahlend am weiten Himmel und dürre Arm-Bein-Wesen überwanden in abartigen Bewegungen die Klippen der umliegenden Felsen,


Haikus


Fukushima brennt
Radioaktivität
Gojira erwacht

Welt erstarrt zu Eis
Ein jedes Leben erfriert
Stille überall

Sand wird zu Gestein
Die Zeit ist mächtig und schwer
Gestein wird zu Sand

Spinne sitzt im Netz
Die Fliege fragt nach dem Weg
Sie kommt niemals an

Ein Blauwal strandet
Erstickt an seinem Gewicht
Sonartest: Sehr gut

Regen wird zu Fluss
Der Fluss wird ein Wasserfall
Wasser fällt: Regen

Messer schneidet Fleisch
Ist es ein Mensch oder Tier?
Darauf kommt es an

Ich wäre gern reich
Geld ist Macht und Macht ist gut
Was kostet Liebe?

Ein Fisch kriecht an Land
Keine Fressfeinde im Wald!
Ein Raubfisch folgt ihm

Lachs schwimmt hoch den Fluss
Ein Bär hat Hunger auf Fisch
Dann: Ein Sprung ins Maul

Nebel nimmt die Sicht
Das Land verborgen in weiß
Ist die Welt noch da?

Schlafender Dämon
träumt von Welt ohne Menschen
Erwacht und erschreckt

Die Blume erblüht
Die Biene will den Nektar
Die Blume will Fleisch


Herr von Runkenstein wandelt das Klima (#275)

Weil Herr von Runkenstein im tiefen Winter von einer Hitzewelle überrascht wurde, welche ihm die Winterreifen vom Auto brannte und mit kochenden Schneebällen bewarf, beschäftigte er sich mit dem Konzept des Klimawandels, was er bisher ignoriert hatte, weil er über eine Klimaanlage und eine Sommerresidenz in der Tiefsee verfügte, wo es gar kein Klima gab, sondern nur godzillagroße Kraken und leuchtende Fische, die unter großem Druck arbeiten konnten.

Der Klimawandel jedoch war ein ernstes Problem geworden, weil Herr von Runkenstein diverse Inseln im Pazifik besaß, die nun langsam untergingen und somit seinen Gewinn aus den dortigen Internierungslagern schmälerten, weil Australien sich weigerte, für die Unterbringung von Flüchtlingen zu bezahlen, die bereits wieder als Treibgut an den eigenen Küsten angespült wurden.

Aus diesem Grund blieb Herrn von Runkenstein nichts anders übrig, als die Erde sofort abzukühlen, große Mengen CO2 zu beseitigen und den Meeresspiegel um mehrere Meter abzusenken.

Letzteres war das einfachste Problem, denn er musste nur große Mengen an Wasser gefrieren und in der Antarktis lagern, wo bereits soviel Schnee herumlag, dass einige Milliarden Tonnen zusätzlich nicht weiter auffallen würden. Also besorgte er sich Schneekanonen aus den Alpen und Offshore-Windanlagen aus der Nordsee, installierte beides an den Küsten der Antarktis und schaute dann dabei zu, wie ein ganzer Kontinent im Schneegestöber versank.
Nun waren aber die Pinguine darüber nicht sehr erfreut, da sie sich bereits seit Jahren auf eine Erwärmung des Südpols freuten, und so gingen sie in den Untergrund, um die Vereisung ihres Lebensraums zu verhindern und erforschten Kernfusion und Thermodynamik und alles, was mit Wärme zu tun hatte, um langfristig aus der Antarktis ein tropisches Paradies zu machen.

Das Problem mit dem Kohlendioxid in der Atmosphäre war ebenfalls leicht zu lösen, denn Herr von Runkenstein fand heraus, dass Bäume CO2 in Holz umwandeln können, weshalb er überall auf der Welt Millionen von Bäumen pflanzte, die mutierten und zu brutalen Baumtrollen heranwuchsen, welche sich mit Holzwaffen gegen Baumfäller und Kettensägefische wehrten, mehrere Baumkönigreiche gründeten und schließlich als Söldner in den Weltraum zogen, wo sich ihre mächtigen, hölzernen Kriegsschiffe in der Nähe des Tannhäuser Tors schwere Schlachten mit den Robotertitanen aus dem großen Attraktor lieferten und Milliarden Tonnen Holz und Silizium verbrannten und im Weltraum verteilten und eine dunkle Wolke sich ausbreitete an den Rändern des Kaiserreichs der Insektoiden.

Herr von Runkenstein jedoch bekam davon nichts mit, weil er mit Hilfe der Baumtrollsöldner sein Pinguinproblem gelöst hatte und die Erde immer weiter abkühlte, was zwar zu einer enormen Gletscherbildung und dem Untergang von Skandinavien und Kanada führte, aber auch zu neuer Landfläche, welche er sofort besetzte und an Großkonzerne verkaufte, die nun bis zur nächsten Erderwärmung Zeit hatten, um Soja, Mais und Schrimps zu züchten und nach Öl zu bohren und möglichst hohe Gewinne abzuschöpfen, bevor ihr Kapital wieder im Ozean versinkt und ihre Lobbyisten wieder den Klimawandel leugnen müssen.


Herr von Runkenstein holt was aus dem Keller (#272)

Als Herr von Runkenstein sich in die Tiefen seines Kellers begab, um eine frische Flasche Absinth zu holen, nahm er in Gedanken versunken eine falsche Abzweigung und überquerte die Brücke der Verdammnis, welche seinen Speisekeller von seinem Gerümpelkeller trennte und gleichzeitig die Welt der Menschen von der Welt der unterirdischen Alpträume.

Dummerweise konnte man die Brücke nur in eine Richtung überqueren, weil ein alter Fluch auf ihr lag, um die Oberfläche vor der Tiefe zu beschützen, und so musste Herr von Runkenstein einen Umweg durch den Heizungskeller, den Waschkeller und das Spinnenlabor nehmen, wo geheizt, gewaschen und geforscht wurde, und zwar von hyperintelligenten humanoiden Arachnoiden, die in ihren Netzen lauerten und Versuchsnazis mit rechtsdrehender Gammastrahlung verseuchten, bis nur noch feuchte Schwämme übrig waren.

Herr von Runkenstein grüßte freundlich und betrat dann die Balrog-Schreibstube, wo tausend Balrogs an tausend Schreibmaschinen saßen und zufällige Tasten drücken mussten, bis sie entweder die Bibel oder den Herrn der Ringe geschrieben hatten; Hauptsache ein episches Märchenbuch.

Danach durchquerte er die Welt der Morlok, von denen jedoch keine Gefahr ausging, seit er sie täglich mit Soylent Eloi versorgte.

Kurz darauf kam er in einem dunklen Gang an eine Kreuzung, vor der ein ratloser Zauberer stand, welcher den Weg nicht mehr wusste, und so erlaubte Herr von Runkenstein sich einen Scherz und schubste ihn in ein tiefes Loch, warf einen Balrog hinterher und hoffe, dass die beiden sich verstehen würden.

Natürlich kannte Herr von Runkenstein den richtigen Weg, verwechselte diesen jedoch mit dem falschen Weg, welcher in ein so tiefes Gewölbe führte, dass der gesamte Boden aus Lava bestand, was jedoch kein Problem für ihn war, weil er einfach vom Sofa über den Sessel und das Bett zur Couch sprang, was ihn nun zu einem Fahrstuhl führte, welcher ihn direkt in seinen Kartoffelkeller brachte, was er sehr unheimlich fand, weil er keine Kartoffeln mehr gekauft hatte, seit die Erdäpfel vor einigen Jahren versucht hatten, seine Seele an den Teufel zu verkaufen, was nur deshalb nicht funktioniert hatte, weil die Seele des Teufels bereits Herrn von Runkenstein gehörte und seither in einem Einmachglas in der Speisekammer stand und darauf wartete, zu köstlichen satanischen Seelenpralinen verarbeitet zu werden.

Der Kartoffelkeller jedoch war weitaus bösartiger als der Teufel, weil die verdorbenen Knollengewächse sich nun erhoben und ihn mit verwesten Menschenkadavern bewarfen, weshalb Herr von Runkenstein den Notfallknopf drückte und den Raum verließ, um dann zu hören, wie glühendes Fett und fliegende Messer die Kartoffeln zu Chips zerstückelten und mit Essig und Salz erstickten, wie man es in England zu tun pflegte.

Wenig später durchquerte er das Kohlebergwerk, wo chinesische Wanderarbeiter für drei DDR-Mark die Stunde Kohle mit bloßen Händen schürften, doch das war immernoch besser, als iPhones zu bauen, denn Herr von Runkenstein hielt alle Sicherheitsvorschriften ein und spendierte regelmäßig Opium und Nudelsuppe mit Nazifleischbeilage aus dem Spinnenlabor.

Anschließend musste er nur noch durch einige enge Schächte krabbeln, eine Horde Höhlenforscher in einen Abgrund stoßen, ein antikes Alien-Artefakt mit einem Tropfen seines Blutes aktivieren, den alten Indianerfriedhof schänden, eine Maulwurfkolonie demokratisieren, der Königin der Nacktmulle Tribut zahlen, den Fluss Styx durchschwimmen, einen Raketenwurm auswildern, Hitlers Atombunker durchqueren und dann einen Durchgang in seinen Fahrradkeller sprengen und schon stand er wieder vor seiner Kellertür, wo er jedoch bemerkte, dass er irgendwo zwischen den Balrogs und den Chinesen die Flasche Absinth verloren hatte, wegen der er ursprünglich hier herunter gekommen war, weshalb er sich sofort umdrehte und zurückging, um nicht mit leeren Händen an die Oberfläche zurückzukehren.


Sternenschreie

(Das zweiunddreißigste Fressen)

Brennende Gaskugeln in der Schwerelosigkeit, Milliarden Jahre alte Feuer. Aus der Ferne nur kleine Lichtpunkte am schwarzen Firmament, aus der Nähe glühende Höllenofen. Photonen werden durch Fusionen geboren; winzige Lichteinheiten, Teilchen und Welle zugleich, kämpfen sich ihren Weg durch das Dickicht über Millionen von Jahre bis zur Oberfläche, um dort mit Lichtgeschwindigkeit in der Unendlichkeit zu verschwinden.
Doch Kernfusion ist Sternensterben, und jeder Strahl ein Todesschrei.
Und so schweben sie in der Unendlichkeit: Billiarden sterbender Sonnen; und ihre stillen, hellen Todesschreie erleuchten das Universum.


Herr von Runkenstein reist um die Welt (#264)

Während einer Kaffeefahrt von Java nach Kolumbien versank der mit Rentnern gefüllte Doppeldecker im Pazifik und wurde von bösartigen Strömungen nach R'lyeh getrieben, wo der große Cthulhu gerade träumte, in der Hersfelder Zeitung zu lesen, dass Herr von Runkenstein die Nord-West-Passage auf dem Rücken eines arroganten Eisbären bezwungen hatte.

Tatsächlich war dieser Traum eines uralten Dämonen garnicht so weit von der Wahrheit entfernt, denn wenige Tage später brach Herr von Runkenstein auf, die Nord-Ost-Passage auf dem Rücken eines panamaischen Packeis-Pinguins zu durchqueren, der jedoch nach wenigen Tagen von einem päpstlichen Heroin-Hai zerfetzt wurde, und das sogar im Namen Gottes und des fliegenden Spaghetti-Monsters.

Herr von Runkenstein war nun jedoch in Sibirien gestrandet und wanderte wochenlang in Gesellschaft eines sibirischen Wanderwals durch kontinentale Naturlandschaften, bis er auf einem Erdgasfeld in eine Pipeline stieg und von dem Gasdruck nach Europa befördert wurde, wo er ausstieg und den nächsten Bus nach hause nahm, der jedoch kein Linienbus war, sondern eine Kaffeefahrt, die auf dem Weg von Java nach Kolumbien im Pazifik versank, weshalb Herr von Runkenstein ausstieg, weil er wusste, wohin die bösartigen Strömungen ihn sonst treiben würden.


Menschenhass

(Das einunddreißigste Fressen)

Obgleich ich einer der ihren bin, sind mir die Menschen zuwider. Grausamkeit und Hinterlist, Ignoranz und Gier sind die Maximen der Menschheit, in die ich hineingeboren wurde, ohne eine Wahl zu haben; doch dies ist wohl das Schicksal eines jeden Geborenen. Ein Leben entsteht, eine Existenz beginnt, doch meistens ist es mehr Fluch als Segen; und man wird gezwungen es zu ertragen, scheint keine Wahl zu haben.
Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, dem Tier ein Monster, der Pflanze ein Schnitter und der Erde ein Virus. Den Mächtigen ist er ein Sklave, den Regierungen ein potenzieller Terrorist, den Religionen ein Schaf und den Bürokratien eine Nummer; dem Täter ein Opfer und dem Opfer ein Täter.
Zwar gibt es auch Menschlichkeit (Ja, "Menschlichkeit". Ein positiv besetztes Wort, welches doch soviel mehr bedeuten könnte) und Mitgefühl, das will ich nicht bestreiten. Doch gibt es nicht genug davon, dass es für alle reichen würde. Nicht jedem Menschen wohnt Menschlichkeit inne.
Edel sei der Mensch, hilfreich und gut; doch das Ideal ist nichts weiter als eine Statue aus vergangenen Zeiten, die an etwas erinnert, das es niemals gab.

Der Mensch ist ein Kleingeist, stets auf den eigenen Vorteil bedacht und erfüllt von Hass auf jene, die ihm fremd sind und etwas nehmen könnten. Der Habenichts widert ihn an und wird getreten, doch vor den Mächtigen buckelt er in der Hoffnung, dass einige Brosamen für ihn abfallen könnten.
Der Mensch will nicht wissen und begreifen, es genügt ihm zu glauben; der Glaube gibt ihm Halt und Hoffnung, ist ihm ein Schild gegen das Unbekannte und ein Schwert gegen das Ungewollte. Der Glaube lässt den Menschen glauben, er sei auf dem Platz, der für ihn vorgesehen ist, und er gibt ihn weiter an seine Kinder, auf dass auch jene zu kleinen Rädchen in der Mensch-Maschine werden, die sich sinnlos um sich selbst dreht und dabei vernichtet, was ihr unter die Panzerketten kommt.

Auch ich bin geboren als Mensch, zum Leben verdammt unter ihnen. Auch in mir ist ein Monster verborgen, doch ich versuche, es gefangen zu halten.
Seinen inneren Dämon nicht zu befreien, sondern Mitgefühl und Menschlichkeit walten zu lassen ist die größte Leistung, zu der ein einzelner Mensch fähig ist.


Herr von Runkenstein verbreitet Sternenschreie (#266)

Während Herr von Runkenstein eine Gammastrahlenexplosion nahe des Tannhäuser Tores beobachtete, überkam ihn der Gedanke, dass alle sichtbare und unsichtbare Strahlung im Weltraum die Todesschreie sterbender Sterne sind, was ihn sehr nachdenklich machte, bis er auf YouTube das Video einer Katze sah, die eine Plüschkatze umarmte, welche ebenfalls eine Plüschkatze umarmte.

Nachdem er das Video über Facebook und Twitter weiterverbreitet hatte, fing er das Licht eines Sterns mit einem Prisma ein, speicherte es in einem optischen Speichermedium, löschte einige obszöne Wellenlängen, filterte die Röntgenstrahlung durch einen Patrioten und verschob dann das gesamte Arrangement in den hörbaren Bereich, um es mit Hilfe von Piratensendern auf der ganzen Welt zu verbreiten, was er nicht als Terrorismus, sondern als Kunstaktion betrachtete.


Herr von Runkenstein auf Klonexpedition (#267)

Während einer Expedition zum Südpol des Pluto musste Herr von Runkenstein viele tausende male die Schlittenhunde auswechseln, weil diese mit der Temperatur und fehlenden Atmosphäre nur schwer zurechtkamen, weshalb die Schlittenhundeklonmaschine zu den wichtigsten Ausrüstungsgegenständen gehörte.

Nur wenige Tage vor dem Ziel wurde die Expedition jedoch von neptunischen Eisbären angegriffen, welche die Klonmaschine in ihre Gewalt brachten und umprogrammierten, sodass sie fortan nur noch Seehundschnitzel erzeugte, die sich nur schwer vor einen Schlitten spannen lassen.

Tags darauf gingen die Schlittenhunde zuneige und die Klonmaschine war völlig im Eimer, weshalb Herr von Runkenstein zu drastischen Maßnahmen griff und die Eisbären auf Mindestlohnbasis anstellte, um sie wenige Stunden später am Südpol wieder zu entlassen und den Lohn einzubehalten wegen mangelhafter Leistung, was auf Pluto völlig legal war.

Die Eisbären jedoch ließen sich das nicht bieten und beauftragten einen Anwalt, der kurz darauf den Südpol mit Brandbomben in eine eisige Feuerhölle verwandelte; allerdings den falschen Südpol, nämlich den der Erde, wo es nur Pinguine gab, welche sehr rachsüchtig sind und eine Terrorgruppe gründeten, die den Nordpol mit Anschlägen überzog, allerdings den Nordpol der Sonne, wo nur Sonnenwürmer leben, die immerhin bis zu 17 Lichtsekunden lang werden und damit groß genug sind, um Pinguine, Eisbären und Anwälte mit gezielten Feuerstößen zu töten.

Herr von Runkenstein jedoch saß noch immer auf dem Südpol des Pluto, lutschte Champagnereis und hämmerte auf seiner Klonmaschine herum, die jedoch nur fernöstliche Supermodels und mittelirdische Zwergenkrieger produzierte, wofür er am Rand des Sonnensystems aber überhaupt keinen Bedarf hatte.


Herr von Runkenstein erforscht Wurmlöcher (#270)

Als Herr von Runkenstein in der nordeurasischen Wildnis die Überreste eines Axolotl-Restaurants der Azteken entdeckte, in der australischen Wüste eine Wikingersiedlung und in den Karpaten einen alten Cyborgfriedhof aus den Maschinenkriegen des 23. Jahrhunderts, wurde ihm klar, dass er die Geschichtsbücher umschreiben und um diverse Wurmlöcher ergänzen musste, was nicht ganz einfach war, weil Wurmlöcher weder Fußspuren noch Logfiles hinterlassen.

Stattdessen besuchte er den Quantenwurm Horst, den er persönlich kannte und von dem er wusste, dass seine Familie seit Generationen Wurmlöcher in unsere Raumzeit frisst.

Bei der Durchsicht von Horsts Familienfotoalbum fand er neben den üblichen Bildern von Einschulungen, Familiengeburtstagen, Zoobesuchen und interdimensionalen Blutfehden auch diverse Bilder über absurde Verflechtungen der Weltgeschichte, welche er jedoch niemals im vollen Umfang erfassen konnte, weil Quantenwürmer zu achtdimensionalen Wurmlochkreuzungen, möbiusbandförmigen Zeitschleifen und Abkürzungen durch dunkle Materie neigen, und das bereits in nüchternem Zustand.

Von Horsts Großonkel Brigitte erfuhr Herr von Runkenstein, dass es einst einen Vetter gab, der nach dem Genuss von einem Hektoliter Absinth ein Wurmloch durch 19,75 Dimensionen fraß, wobei er den großen Tentakelarm der Andromedagalaxie vernichtete, das Bein von Karl dem Großen mit dem Tesserakt-Altar des päpstlichen Megacomputers verschmolz und anschließend einen fünfköpfigen Zwetschgenbaum durch ein Nadelöhr saugte und dabei saudi-arabische Technogedichte über homosexuelle Korangelehrte aus dem vierten Jahrtausend rezitierte.

Weil Herr von Runkenstein nun neugierig auf die Kunst des wurmlochfressens geworden war, entwickelte er ein mechanisches Lochfrasswurmschiff mit Dampfantrieb und fräste sich nur wenige Tage später durch die Raumzeit einer abgesperrten Teststrecke im frühen Kambrium.

Als dann jedoch eine Dampfleitung wegen eines Marderschadens brach, war Herr von Runkenstein kurz abgelenkt, weshalb es zu einem Durchbruch in das biologische Versuchslabor des großen Cthulhu kam, worauf die Ausgeburten unzähliger Alpträume durch das Loch auf die Erde flohen und so zur kambrischen Explosion führten, was Herr von Runkenstein zu seinem Bedauern sehr lustig fand und auch nicht mehr ändern konnte; vor allem, da die erwähnten Kreaturen sich bereits bewaffnet und zu Allianzen zusammengeschlossen hatten, um die natürliche Selektion mit Scheren, Panzern, Stacheln, Schlagringen und radioaktiven Mörsergranaten durchzusetzen.


Herr von Runkenstein ist kein bunt blinkendes, interaktives Multimedia, keine schnell geschnittenen Videosequenzen und digital verquirlten Bilder, kein raumausfüllender THX-Sound und keine Hochgeschwindigkeits-Massenunterhaltung. HvR sind Sätze, kompliziert ineinander verschachtelt oder minimalistisch durchgesiebt, zu sprachgewaltigen Wortungeheuern verschraubt oder zu sinnlosem Gewäsch zerhackt. HvR sind Worte, die als pupillenerweiternde Einzelgänger aus dem Buchstaben-Dickicht hervorspringen und mit psychotronischen Elektroskalpellen in das Gehirn ihres Opfers vordringen, um dort ein kosmobiotisches Neuronen-Synapsen-Blitzgewitter auszulösen; oder in Form von Herden, Milizen, Stämmen, Gangs, Schwärmen, Syndikaten, Nationen oder anderen Organisationsformen gemeinsam durch Pupille und Sehnerv in die Spracherkennung des Gehirns gelangen und sich dort nach ihrer Decodierung wie Computerviren in der brötchenförmigen Denkmasse ausbreiten, um das Bewußtsein in einen Jahrhunderte andauernden Guerillakrieg zu verwickeln, welcher nach schweren Verlusten für alle Seiten üblicherweise mit der Implosion des Kopfes endet. Und HvR sind Geschichten, deren Handlungen, Lokalitäten und Ereignisse derart unvorhersehbar sind, dass sie quasi aus dem Nebel der Unvorhersehbarkeit hervorbrechen, um sich sofort in das Stammhirn des Lesers einzubrennen und zu einer unauslöschbaren Vergangenheit und Gewissheit zu erstarren.