Robotic Greetings

Runkensteins Wortkatakomben

Texte aus den tieferen Gefilden des Verstandes
lustig - absurd - düster - kafkaesk - surreal - grotesk

Ein Fressen für den Psychiater

ist eine Sammlung von düsteren, grotesken Texten, die ich seit 2004 in unregelmäßigen Abständen schreibe. Sie handeln von Alpträumen und Schlaflosigkeit, Angst und Hass, Hoffnung und Tod, Verzweiflung und Sucht, Gewalt, Depressionen und Kreativität; gezeichnet in melancholischen Wortgemälden und apokalyptischen Alptraumszenarien.
Der Titel der Reihe, gleichzeitig der Titel des ersten Textes, basiert auf einer Bildserie von H.R. Giger.

Ein Fressen für den Psychiater Das Ur-Fressen Es war bereits ein früher Morgen, an dem ich brodelnd spazieren ging,
Ein Fressen für den Psychiater
(Gedanken nach dem Erwachen)

Es war bereits ein früher Morgen, an dem ich brodelnd spazieren ging, als sich meine Schädeldecke anhob und ein schwarzer Brei aus Hass und Liebe, Gleichgültigkeit und Verlangen, blanker Gewalt und vergifteten Gedanken aus meinem Kopf hervorquoll, er lief mir über das Gesicht und an meinem Körper runter, bedeckte langsam den Boden und lies Pflanzen und schreckerstarrte Tiere in Augenblicken verfaulen; schon bald war fast alles um mich herum von der schwarzklebrigen Masse bedeckt und befand sich in einem Stadium der Verwesung und des Vergessens, während ich zum Himmel blickte und von einer grausam strahlend-schmerzenden Sonne geblendet wurde, obwohl der schwarze Schleim auch über den Himmel gezogen war (Sic transit gloria mundi); mit einem schnellen Griff packte ich die Sonnenscheibe und hielt sie für einen Moment in meiner Hand, während das nukleare Feuer diese verdampfte und vermoderte und zu einem Klumpen Asche mit einigen Knochensplittern umformte, doch der Schmerz war nur angenehm prickelt und lies es mich bedauern, dass es nur eine Sonne gab, die ich nun in eine Keksdose fallen lies, wo sie nach Hilfe schrie und schließlich verging; gleichzeitig brach die Nacht an, lies den schwarzen Brei trocknen und im Mondlicht glitzern, während ich weiterging und zwei ineinander verwachsene Bäume fand, denen die Schwärze nicht hatte anhaben können; doch nun in der Nacht waren sie schutzlos und konnten es nicht verhindern, das ich einen gläsernen Keil zwischen sie trieb und mit kräftigen Schlägen ihre ineinander verwachsenen Äste splittern lies (Nemo me impune lacessit), während schwarzglühende Gewalt zähflüssig aus meinen Fingern tropfte und einen der Bäume in seinem eigenen Wurzelsud zu zersetzen begann, bis auch er eine reine Flüssigkeit war, die im Boden versickerte und die Fäulnis bis in das Reich der verwesenden Körper spülte, die unter diesem Boden so zahlreich und in mehreren Schichten begraben waren, das man fast glauben konnte, sie wären bereits in ihren Särgen geboren worden; den anderen Baum lies ich jedoch stehen, ohne ihn weiter zu bedrängen, es erschien mir richtig so, obwohl doch ein Teil meiner Seele auch ihn gerne etwas angetan hätte, nur wusste ich nicht, was ich getan hätte, wenn ich etwas getan hätte; ein kleines Tier riss mich aus den Gedanken, es lief einfach vorüber und schien sich nicht von der Trostlosigkeit der Existenz stören zu lassen, bis ich nach ihm griff und es in der Mitte zerriss; die Wirbelsäule zersplitterte und gab den Blick auf eine klare Flüssigkeit frei, die zu Boden tropfte und in der schwarzen Kruste meiner Selbst einen Riss entstehen lies, der sich verbreiterte, bis einer kleiner Baum aus ihm wuchs, dessen rotes Blattwerk weitere Grausamkeiten in ferner Zukunft verkündete; das kleine Tier hingegen blutete aus und düngte mit seinem Saft den jungen Baum, der das frische Blut gierig aufsog und stillschweigend nach mehr verlangte; ich hingegen riss mit den Zähnen ein Stück Fleisch aus dem Kadaver, kaute darauf herum und lies mit den blutigen Fleischsaft die Kehle herunterrinnen, schluckte ein Stück aber erbrach es kurz darauf wieder; dann schlug ich ein Loch in den schwarzen, neuen Boden und legte den Toten hinein, sprach ein Gebet, das ich nicht kannte, schnitt mir dann selbst ein großen Stück Fleisch aus meinem Körper, doch kein gewöhnliches Muskelfleisch, wie es an Armen oder Beinen zu finden ist, sondern ein Stück des Herzmuskels, dessen Zuckungen mir immer ein Gräuel waren, legte diese Stück Fleisch in die Grube und bedeckte das alles mit einem großen farblosen Stein, der in dem selben Moment aus dem Himmel gefallen war.
Dann blickte ich mich um und erkannte, was ich getan hatte. Nirgends waren Scham oder Stolz zu erblicken, und die Befriedigung war in einen derart schweren Kampf mit der Gleichgültigkeit verwickelt, sodass man kaum sagen konnte, ob überhaupt jemand jemals auf den Gedanken kam, einfach aufzuhören und etwas anderes zu beginnen. Doch das störte mich wenig. Eingehüllt in Dunkelheit legte ich mich nieder und dachte an den Schlaf. Doch geschlafen hatte ich seit Jahren nicht, und so blickte ich in die Nacht und zählte schwarze Sterne am Firmament, die mich anblickten und zu sagen schienen: Fürchte dich nicht, denn das ist der Lauf der Dinge.

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Tiefer Schlaf Das zweite Fressen Einst ging ich furchtsam durch die Welt, deren Anblick mich erschreckte, deren Grausamkeit mich anekelte,
Tiefer Schlaf
(Ein Fressen für den Psychiater - Das zweite Fressen)

Einst ging ich furchtsam durch die Welt, deren Anblick mich erschreckte, deren Grausamkeit mich anekelte, deren Lärm meine Ohren bluten lies und deren grell scheinendes Licht meine Augen zwangen, stets gen Boden zu blicken, um nicht wie kleine Sonnen in meinen Augenhöhlen langsam zu verglühen; deshalb folgte ich einem kühlen Tal in die Berge, wo es zu einer tiefen und düsteren Schlucht wurde, wo ich endlich zu den Seiten und in die Höhe blicken konnte, aber nur nackten Fels und tote überreste von Dingen sah; auch waren die Felswände noch immer zu weit voneinander entfernt und auch war der Lärm hier noch viel lauter als zuvor, deshalb suchte und erblickte ich eine kleine Höhle, kaum größer als ein Kanninchenbau, in den ich mich mit dem Kopf voran hineinzwang; viele Meter trieb ich mich selbst in den harten Felsen hinein, während der Stein mein Gesicht zerkratze und die Haut von meinem Körper abschmirgelte, bis das blutige Muskelfleisch eins wurde mit dem Fels; doch konnte ich noch immer einen Fetzen der alten Welt erlauschen, deshalb trat ich mit den Füßen nach dem Draußen, bis der Fels zu Sand erweichte und sämtliche offenen Lücken zwischen meinem geschundenen Körper und dem Massiv des Berges füllte; und endlich war auch der große Lärm weg, ausgesperrt in die äußere Welt, die ich völlig verlassen hatte in meinem dunklen Verlies; beinahe schien es mir, als hätte dieses grausame, leere, laute, helle, mit Menschen, Blut und Pein erfüllte Draußen seine Exitenz beendet, als wäre es vertrocknet und zu Staub zerfallen wie ein verlorenes Leben in der Wüste; niemals fühle ich mich sicherer als in jener Zeit, zu der ich begraben tief in dem Berge lag; unfähig, auch nur einen Muskel zu rühren, umgeben von wunderbarer Stille und Dunkelheit und stets gelagert an der Schwelle des Todes, der mir stets wie ein alter Freund erschien, aber nie wie etwas, dass einem einfach widerfahren konnte.
Und so lag ich da, begraben, wurde müde und schlief ein.
Wäre es ein traumloser Schlaf gewesen, so hätte ich meinen Frieden gefunden.
Doch er war nicht traumlos, und so wachte ich erleichtert und verzweifelt auf, noch immer in meinem tiefen Grab gefangen, doch überkamen mich die ersten Zweifel, ob dies der richtige Weg sein mochte, denn der lange Traum war weit grausamer als die Wirklichkeit gewesen, auch wenn er manchmal wie eine abartig perfekte Perversion der Wirklichkeit erschien, schöner und lieblicher als die Wirklichkeit selbst, doch erst diese Stellen des Traums ließen die Realität zu einer Seelenqual der Existenz werden, weil das erwachen in der Realität und die Bewusstwerdung des Erwachens die Schönheit des Traumes brutaler und grausamer nicht hätte demontieren können; wie ein Insekt zwischen zwei Mühlrädern wurde die Schönheit zu einem feinen Staub zerrieben, der sich mit den Widerlichkeiten des Traumes vermischte und zu einer eitrigen Paste wurde, die über eine lange Nadel durch das Auge hindurch in die tiefste Stelle des Gehirn gepresst wurde, jene Stelle, an der sich alles befindet, das den Mensch zum Menschen macht.
Und langsam, ganz langsam, dämmerte eine seltsame, neue Erkenntnis, die dazu führte, dass ich die Augen öffnete, Dunkelheit atmete und einen Muskel bewegte, der sich mit Blut füllte und langsam geschmeidig wurde; so trat das Leben wieder in mich, während ich mich hin- und herwand wie ein Wurm, langsam und schneller, bis ich nach unendlich langer Zeit etwas spürte, das man einst frische Luft nannte, bis ich meine geschundenen Gliedmaßen wieder so bewegen kannte, wie die Natur es einst vorgesehen hatte; so kroch ich durch einen dunklen Tunnel, ein dumpfes Rauschen an meinem Ohr, wie ich es nie vernommen hatte, bald sah ich Schemen, Schatten und glitzernde Steine, und bald auch ein helles Licht am Ende des Tunnels.
Eine seltsame Freude erfüllte mich, wie ich sie nie verspürt hatte, wie sie wohl nie jemand verspürt hatte, und so trat ich an das Ende des Tunnels, lies mich von der gleißenden Sonne blenden, dem infernalischen Rauschen in meinen Sinnen betäuben und die kühle Luft in meine staubgefüllten Lungen strömen, wo sie fast nicht mehr entweichen konnte.
Nach langer Zeit erhob ich mich aus dem warmen Sand und öffnete die Augen.
Ein Meer lag da, wo einst die Berge waren.
Muskelfetzen und blanke Knochen waren dort, wo einst mein Körper war.
Und nichts als Leere dort, wo einst meine Seele ihr Heim hatte.
Müde ging ich einige Schritte bis zum Wasser, lies mich fallen, lies mich hinaustreiben, um kurz nach Sonnenuntergang in den warmen Fluten zu versinken und in absoluter Stille und Dunkelheit schließlich meinen ewigen Frieden zu finden.

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Wir wollen keine Menschen sein Das dritte Fressen Müde ging ich vorwärts durch die Wüste, die Sonne lies meine Haut schmelzen,
Wir wollen keine Menschen sein
(Ein Fressen für den Psychiater - Das dritte Fressen)

Müde ging ich vorwärts durch die Wüste, die Sonne lies meine Haut schmelzen, der Horizont stand in Flammen und keine Menschenseele war in der Nähe, nur einige bleiche Gerippe vergessener Wanderer, die ausgestreckt am Boden lagen und Heimat für unbekannte Insekten waren, die im Schädel eine Zitadelle des Todes errichtet hatten und sich an den vergessenen Erinnerungen und Träumen vollfraßen, die einst in ihren Wänden zuhause waren; doch während ich die schmerzenden Stümpfe meiner Füße jeweils vor den anderen setzte, musste ich voller Entsetzen feststellen, dass ich nicht mehr alleine war; weitere Wanderer liefen in genau die selbe Richtung, während sie gleichzeitig immer näher an mich heran kamen und schließlich so zahlreich waren, dass ich in einer Masse stinkender, schmelzender und ausgezehrter Leiber eingeschlossen war, unerbittlich vorwärts gedrängt von den roboterhaften Bewegungen des biomechanischen Kollektivs und zu einem kleinen, unbedeutenden Organismus in einer weiten Herde von meinesgleichen degradiert, unter deren Tritten die überreste ihrer Vorgänger zu Staub zermahlen und die Insekten zur einem Einheitsbrei zerstampft wurden, der an den Fußsohlen klebte und die Zersetzungsgifte der Erinnerung durch die Haut in den Blutkreislauf sickern lies, wo die Verwesung ihr endgültiges Werk begann; doch niemand achtete darauf, niemand machte einen Bogen; die Herde zieht weiter und scheint weit primitiver zu sein als jedes einzelne seiner Bestandteile; nur ich war am falschen Ort, wusste, dass ich nicht hätte hier sein sollen; war ich doch zu anfangs alleine und eins mit der Welt; wollte niemals auch nur im Traum ein unbedeutendes Stück Fleisch in dieser hoffnungslosen Masse sein, die unerbittlich vorwärts marschiert, einer Heuschreckenplage gleich, in ihrer Gesamtheit destruktiv und von dem unerschütterlichen Glauben in ihre eigene Perfektion gestärkt.
Dann jedoch wurde das Gelände abschüssig und ich sah den Rand der Welt, an dem die Flut der Leiber verschwand, sah Flammen hinter diesem Rand aufsteigen und hörte die letzten Schreie der Fallenden, die bis zum Rand stumm gewesen waren, aber nun in ihrem Sturz ihr eigenes Ich erkannten mussten, weil der letzte Weg, den sie beschritten, sie von der Masse trennte, sie aus ihr löste; gnadenlos vorwärts gedrängt und über den Rand gestürzt musste ein jeder Einzelne erkennen, dass er in seinem Sterben alleine gelassen wurde, weil der gemeinsame Tod der Herde eine Illusion war, die bei jedem Schritt, den jemand über den Rand tat, von neuem zerplatze.
Nur ich schien nicht bereit zu sein und das höhere Ziel zu erkennen, falls es ein solches denn jemals gab, deshalb drehte ich mich um und lief gegen den Sturm der lebenden Toten an, die mich nicht einmal wahrzunehmen schienen; deshalb schlug ich auf sie ein und brach ihnen Arme und Beine, doch die Verletzten wurden mit der Masse einfach mitgerissen; dann lief jemand durch mich hindurch und zerteilte mich in zwei Hälften, die zu zwei Ganzen wurden; so hatte ich nun einen Zwillingsbruder, der nicht ich war, der eine Klinge aus seinem Mund hervorholte und damit auf mich einstach, bis ich ausholte und meine Faust in seinem Kopf eintauchte, der blutig zersplitterte, aber nichts enthielt als eine farblose Gallertmasse; der tote Körper jedoch wurde von der Herde mitgetragen, zwischen den Leibern zerquetscht und von unzähligen Füßen zerstampft, bis nicht mehr übrig war, während ich weiter vorwärts gedrängt wurde, bis schließlich auch ich den Rand erreichte, hinabsah und eine unerträgliche schwarze Leere erblickte; nur an einigen Stellen schossen aus dem Fels, auf dem ich bis zu jenem Augenblick gelebt hatte, kilometerlange Flammenfontänen hervor; und wie bei einem Wasserfall fielen unzählige Leiber über den Rand in die Leere hinab, einige von ihnen durch die Fontänen und deshalb in Brand gesetzt, doch auch ihnen gelang es nicht, die Finsternis zu erleuchten.
Und so stürzte auch ich über den Rand, fiel in die lange Dunkelheit und löste mich auf, während meine Existenz zu vergessener Erinnerung wurde.

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Der Sandmann ist nicht mehr Das vierte Fressen Wie die Müdigkeit mich überschattet, wenn ich am Tage den Dingen nachgehe, quält mich des Nachts die helle Wachheit,
Der Sandmann ist nicht mehr
(Ein Fressen für den Psychiater - Das vierte Fressen)

Wie die Müdigkeit mich überschattet, wenn ich am Tage den Dingen nachgehe, quält mich des Nachts die helle Wachheit, wenn ich im Bett liege und nichts als Bewusstlosigkeit, Schlaf und Vergessen suche. Hellwach liege ich in der stillen Dunkelheit und warte auf den kleinen Tod, dessen Wiederkehr tagtäglich ein Martyrium des Wartens vorausgeht. Still liege ich auf dem Rücken und warte, während jeder kleinste Laut einer Explosion gleichkommt, die das Innere meines Kopfes verwüstet und laut schreiende Gedanken erweckt, die ziellos umherirren auf der suche nach einem Zuhörer. Absolute Dunkelheit ist ein seltenes und zugleich unerreichbares Privileg, denn das Licht findet selbst in der Nacht einen Weg in jeden Raum und selbst hinter die geschlossenen Lider.
Doch ist der Zustand erreicht, an dem der Körper zu ruhe kommt und Licht und Laute zu kleinen Plagegeistern zusammengeschrumpft sind, beginnt der Triumphzug des größten Feindes der Schlafheit: Das unerbittliche und grausame Feuerwerk der eigenen Gedanken, die wilden Tieren gleich unermüdlich auf meinen Schädel einschlagen; in seinen Tiefen werden sie geboren, durchzucken ihn wie ein Kugelblitz und hinterlassen brennende Löcher der Erinnerung. Während das Gesicht mit dem Kopfkissen zu einer bizarren Einheit verschmilzt und ein eingeklemmter Nerv im Handgelenk stechend um Hilfe schreit, lässt ein Gewitter der Erinnerung Unmengen von Tropfen neuer Gedanken auf den trockenen Wunsch nach Aufmerksamkeit niederprasseln, als Samen aufgehen und zu einem leuchtenden Wald werden, in welchen eine Schneise geschlagen werden muss, um einen Weg für den Sandmann zu bauen, der längst in der Vergangenheit begraben liegt.
Und so liege ich wach, warte auf den Schlaf, höre meine Gedanken streiten und sehe in die Zukunft, wie sie meist doch nicht sein wird. Ich wünschte einen Strohhalm, der tief in das Ohr gesteckt alle Gedanken hinausfließen lässt und sanfte Leere verbreitet, die sich über alles legt wie ein schwarzer ölfilm und die absolute Dunkelheit verkündet; grausamer, als es der Schnitter mit seiner Sense erreichen könnte.
Dunkelheit und Vergessen, ich erwarte euch sehnsüchtig. Jede kommende Nacht, bis zur letzten.

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Opfer und Beute Das fünfte Fressen Im Unterholz lauere ich, bis ein Tier vorüberschleicht; ich stoße einen langen, spitzen Stock in seine Richtung und durchstoße den Bauch,
Opfer und Beute
(Ein Fressen für den Psychiater - Das fünfte Fressen)

Im Unterholz lauere ich, bis ein Tier vorüberschleicht; ich stoße einen langen, spitzen Stock in seine Richtung und durchstoße den Bauch, es läuft weg, aber ich hetze hinterher; stoße nochmals zu; treibe den Stock durch sein Genick bis in den Boden; ich stürze mich auf die Beute und schlitze ihm den Bauch auf, doch es glüht rot auf, schleudert mich weg und entkommt mit offenem Bauch und dem Speer im Hals; ich renne hinterher und folge der roten Spur und den Resten von Gedärmen; greife nach einem heraushängenden Schauch und bringe das Tier zum Fall; mit dem Messer steche ich auf den Kopf ein und schäle die Haut von den Knochen, doch es kratzt und beißt und reißt ganze Stücke aus meinem Körper heraus; dann entwindet es sich meinem Griff und stürzt abermals davon; es gelingt mir gerade noch, die Wirbelsäule zu durchstoßen; doch es lässt sich auch davon nicht aufhalten und kriecht in eine viel zu enge Höhle; ich zerre es heraus und stecke meine Hand durch die offene Bauchdecke, während es ein dickes Stück aus meinem Unterarm bricht (doch das kann mich auch nicht mehr stoppen); ich greife nach dem Herz und reiße es heraus, betrachte das tropfende, schlagende Stück und stopfe es in den Rachen des Tieres, während ich ihm die Augen aussteche und die Schädeldecke aufbreche; es gibt einen langen, klagenden Ton von sich, doch nach dem herausschälen der faulenden Hirnmasse bricht es zusammen und ergibt sich seinem Schicksal (Schicksal?); ich stecke einige Stücke des Kadavers durch meinen offenen Bauch in den Magen, bevor die überreste zu Staub zerfallen und von mir in einem tiefen Loch begraben werden.
Dann geht die Sonne auf und strahlt auf meine bleichen Gebeine, die mahnend auf der Erde liegen.
Ein neuer Jäger geht an ihnen vorbei.

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Stein um Stein Das sechste Fressen Ein kleiner Raum in einem Kellergewölbe, gefüllt mit Steinen und mir;
Stein um Stein
(Ein Fressen für den Psychiater - Das sechste Fressen)

Stein Ein kleiner Raum in einem Kellergewölbe, gefüllt mit Steinen und mir; im schwachen Licht einer Kerze lege ich eine Schicht der Steine auf den Boden, überziehe sie mit Mörtel und lege eine weitere Schicht auf sie; grauenhafte Geräusche dringen gedämpft, doch trotzdem schmerzend an mein Ohr, kommen von draußen, aus dem schrecklichen, widerwärtigen Draußen; Schicht für Schicht schichte ich die Steine übereinander; Mörtel befleckt meine Haut und getrocknet zu einer harten Kruste, die meine Bewegungen lähmt; Schreie und Krieg dringen in meine Ohren, doch endlich ist die letzte Schicht gelegt und ich sitze in der Dunkelheit; eins geworden mit einem alten, zerfallenen Haus, doch ich höre Dinge, die in den Keller gekommen sind; ich lege weitere Steine auf den Boden und beginne eine neue Wand; doch der Zement ist verbraucht, deshalb lasse ich mein Blut in den Eimer fließen und rühre neuen Mörtel an; die Dinge schlagen gegen die Wand, während ich eine neue Wand mit meinem Blut erbaue; die Schläge werden stärker, doch die neue Mauer ist fertig; nichts kann mehr hindurchdringen, deshalb hören sie auf und gehen weg, während ich zu Boden sinke und warte. Und warte. Und warte.

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Stille Nacht im tiefen Wald Das siebente Fressen Dunkel und feindselig ist der Wald, der tosende Sturm peitscht die Aste gegen meinen nackten Körper,
Stille Nacht im tiefen Wald
(Ein Fressen für den Psychiater - Das siebente Fressen)

Dunkel und feindselig ist der Wald, der tosende Sturm peitscht die Äste gegen meinen nackten Körper, schwarzer Regen verwischt die Sicht und weicht den Boden zu einem stinkenden, brennenden Matsch auf; ich versinke, stolpere, krieche vorwärts, niemals hinter mich blickend, denn dort wartet ein Etwas, grausamer als Folter und Tod; nur darauf aus, mein Fleisch von den Knochen zu schälen und meine Säfte zu trinken; ohrenzerfetzend heult es gemeinsam mit den Wind gegen mein kraftloses Keuchen an, doch ich laufe weiter und weiter, lasse mich von den Ästen blutig peitschen und von Dornensträuchern die Haut und Fleischfetzen aus dem Körper reißen, lasse den Regen in meinen Wunden brennen und schlucke den Schlamm, wenn mein Gesicht darin eintaucht; ein Baum greift nach mir und zerrt meinen Körper in sein dichtes Geäst; seine Blätter schlitzen mich auf und lassen mein Blut gemeinsam mit den Regen hinab auf die Erde tropfen, wo es von den Wurzeln gierig aufgesogen wird; kleine Zweige sprießen und wachsen in mich hinein und durch mich hindurch, doch meine Schreie werden von dem Sturm hinfort getragen; dann findet mich das Etwas und zerrt an meinem Bein, doch der Baum gibt mich nicht frei, deshalb reißt es mein Bein ab und zerkaut es knackend und schlürfend, während der Baum mein Blut in sich aufnimmt und mich zu einer bizarren Skulptur verdreht, die mich nicht mehr erkennt und deshalb fallen lässt; so liege ich nun körperlos auf den Boden und erblicke die Reste meiner fleischlichen Hülle in dem Gewirr aus Ästen, Blättern und zerfetzen Gliedmaßen, bis mich die Bestie bemerkt und mit ihrem heißen Atem verbrennt, meine überreste einatmet und die kläglichen überreste meiner Substanz in den Sturm hinausschreit.

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Spuren im Schnee Das achte Fressen Plötzlich stehe ich im Schnee, ohne Erinnerung an meine Vergangenheit,
Spuren im Schnee
(Ein Fressen für den Psychiater - Das achte Fressen)

Plötzlich stehe ich im Schnee, ohne Erinnerung an meine Vergangenheit, inmitten eines Schneesturms, blind vor Weiß-heit; erkennen kann ich nur einige Fußspuren, denen ich ohne zu zögern folge, denn sonst gibt es hier nichts, nach dem ich mich richten könnte; die Spuren verlaufen träge und langsam, auch werden sie nicht zugeschneit; dann erkenne ich eine Farbe, rote Flecken sind im Schnee verteilt; die Spuren liegen jetzt weiter auseinander, während die roten Flecken ihnen folgen und größer werden; ich probiere sie mit der Zunge; es ist warmes Blut, dessen Metallgeschmack mir die Kehle herunterrinnt; ich laufe schneller, folge weiter den Spuren der Füße und des Blutes, dann finde ich ein Fingerglied, mehrere, auch sie folgen der Spur; ich zähle sie nicht, doch es werden wohl zwei Hände sein; dann sehe ich Handflächen, später Unterarme und Oberarme, während die Spuren immer länger und die Blutlachen immer größer werden; abrupt enden die langen Spuren, an der Stelle liegt ein blutiges Bein im Schnee, in voller Länge; die Spuren sind kurzer und stammen nur noch von einem Bein, dafür ist die Spur des Blutes zu einem unübersehbaren Fluss in der Farblosigkeit der Schneewüste geworden; neben der einzelnen Fußspur tauchen Hautfetzen auf, später Stücke von Muskelfleisch; Augen, Nase, Zähne, Lippen, schließlich die inneren Organe; der Darm ist in seine volle Länge gezogen und zieht sich schlangengleich neben der Fußspur her; an seinem Ende liegt ein toter Körper ohne Gliedmaßen auf dem leeren Bauch; das letzte Bein liegt verdreht daneben; ich beuge mich hinunter, um den Körper umzudrehen, um das Gesicht zu erkennen.
Dann erkenne ich mich selbst und werde von Erinnerungen blitzgleich getroffen; ich sehe Fußspuren, die von der Leiche wegführen, es sind zwei Spuren, die eine scheint der anderen zu folgen, und auch ich folge ihnen, laufe los; unfähig, eine andere Richtung einzuschlagen; nach nur wenigen Schritten erkenne ich meine eigenen Spuren, im gleichen Moment erscheinen Risse auf meiner Haut, Blut tropft zu Boden, ich laufe schneller und schneller, während meine Fingerglieder abfallen und in den Blutlachen liegenbleiben, während meine Hände und Armglieder, wie von unsichtbaren Klauen gepackt, von meinem Körper gerissen werden; Erkenntnis durchzuckt meine Gedanken, ich sehe die Zukunft wie ein Spiegelbild vor mir, das sich mit der Vergangenheit durchmischt und zu einem zeitlosen blutigen Einheitsbrei wird, während ich mein Bein verliere, auf dem anderen weiterhüpfe, den Spuren folge und Spuren hinterlasse und sich zeitlose Schmerzen durch meinen Körper brennen und einen Hauch von Ewigkeit verkünden.

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Tiefes Schwarz Das neunte Fressen Dunkelheit, nur Dunkelheit, nur sehen kann ich nicht;
Tiefes Schwarz
(Ein Fressen für den Psychiater - Das neunte Fressen)

Dunkelheit, nur Dunkelheit, nur sehen kann ich nicht; taste mich voran, glatte Haut auf rauem Fels, krieche vorwärts, stoße mir den Kopf an, streife seltsame Pflanzen oder andere Dinge, ertaste in einem Loch ein großes Insekt, das mich in die Finger beißt oder sticht oder zwickt, streiche mit den geschwollenen, blutigen Fingern über Sand, dann über Schlamm und Wasser, greife in weiche, brennende Gewächse oder Würmer; muss schwimmen, doch taste weiter nach dem Gestein, werde von einem Sog erfasst, unter Wasser gezogen und von einem engen Loch verschluckt, doch statt zu ersticken falle ich mit einem Wasserfall in eine andere, dunkle Höhle, lande auf einer weichen, elastischen Fläche und taste mich vorwärts, drücke mich durch Beutel oder Waben oder Zellen oder Eier durch enge Spalten; trete ins Nichts und rutsche zwischen enormen Amöben und Protoplasmabeuteln langsam in die organischen Tiefen der Zellkerne, dringe in einen hinein und löse mich langsam auf; zerfließe in meine Bestandteile, werde zu durchsichtiger Flüssigkeit in unbekannten Tiefen.

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Gefangen im Fleisch Das zehnte Fressen Auf meinem Weg vorwärts durchschreite ich ein Tor, betrete eine Stadt,
Gefangen im Fleisch
(Ein Fressen für den Psychiater - Das zehnte Fressen)

Auf meinem Weg vorwärts durchschreite ich ein Tor, betrete eine Stadt, tauche unter in einer Menschenmenge, die immer dichter wird; tausende Leiber pressen sich aneinander, jeder mit einem anderen Ziel müht sich ein jeder durch die Menge und wird selber zu ihr, geht in ihr unter und in ihr auf, wird zu einem Teil der wogenden Massen auf ihrem Weg nach nirgendwo; Hitze breitet sich aus und Dampf steigt auf, dampfende, glitschige, schwitzende Körper in der pulsierenden Menge der Herde, die zu verwachsen scheint; Männer, Frauen und Kinder, Junge und Alte, alle verschmelzen, wo sich sich berühren; Arme, Beine, Köpfe und Organe gehen nahtlos ineinander über; ich dränge mich durch die zuckenden Fleischmassen, schneide mich mit einem Messer dort frei, wo auch ich zu verwachsen drohte, schneide blutende Wunden in weiches Fleisch, während der rote Körpersaft pulsierend aus der Ader spritzt und meinen klebenden Körper benetzt, der sich zwischen abnorm verwachsenen Körperteilen hindurch zwängt; ein Gebilde nur aus Armen und Beinen, einem Spinnennetz gleich, versperrt mir den Weg, sodass ich um mich schlage, die Knochen breche und gesplitterte Stümpfe hinterlasse, die lautlos schreiend in Hilflosigkeit verfaulen; Eiter und Geschwüre breiten sich aus und lassen die Kathedrale der Körperlicheit ein letztes mal zuckend erbeben, bevor sie splitternd zusammenfällt und mich unter ihren stinkenden, weichen Trümmern begräbt, aus der ich nur noch enkommen kann, weil ich mich von ihren überresten ernähre; so blicke ich irgendwann wieder die Außenwelt und durchschreite das Tor hinaus in die leeren Weiten, deren Einsamkeit mir Fluch und Segen zugleich ist.

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Nicht von dieser Welt Das elfte Fressen Kalt war es, nebelig und trübe,
Nicht von dieser Welt
(Ein Fressen für den Psychiater - Das elfte Fressen)

Kalt ist es, nebelig und trübe, während am schwarzen Himmel ein Regenbogen leuchtet und Flammenfontänen aus Erdlöchern hinauf zum Mond steigen, um das strahlende Gestirn zu versengen und dem Himmel anzugleichen; trübe splätschert ein farbloser Bach hinab in das weite Tal, wo ruhelose Bäume einherwandern und zahnlose Fleischfresser Insekten von ihren Rinden lecken; zeitlose Titanen aus schimmernden Felsen kreuzen ihre Wege und wandern ziellos durch Wälder, Wüsten und Meere; das hohe Gras ist durchsetzt mit tiefen Löchern und dreibeinigen Stacheln, die sich tief in die Haut bohren; brennende Einzeller schweben von den Winden getrieben über die Weiten und Höhen, stürzen gelegentlich flammend und zischend auf die Erde hinab und schlagen glühende Krater in das von äonen zernarbte Angesicht der Welt; doch ich stehe in der Mitte dieser Welt auf einer schmalen Felsnadel, strecke die Arme gen Himmel empor und erwarte die Ankuft eines strahlenden Engels, dessen Schönheit mich blendet und Stimme meine Knochen vibrieren lässt, erwarte den Aufstieg in den Himmel und die Schwerelosigkeit im gleißenden Licht unendlicher Sterne.

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Die Stadt im langen Winter Das zwölfte Fressen Scharf weht der Wind durch die Stadt in Trümmern, durch leere Fensterlöcher in verfallenen Fassaden,
Die Stadt im langen Winter
(Ein Fressen für den Psychiater - Das zwölfte Fressen)

Scharf weht der Wind durch die Stadt in Trümmern, durch leere Fensterlöcher in verfallenen Fassaden, zwischen verbogenen Stahlträgern hindurch und pfeifend durch enge Ritzen in Steinhaufen; verstreut liegen Knochen und Schädel zwischen verbeulten Helmen, kaputtem Kinderspielzeug und zähflüssig-schwarzstinkenden Pfützen in den Bombenkratern der Vergangenheit, deren Wunden sich tief in die Innereien der verstorbenen Metropole gegraben haben; lebloses Getier liegt verrottet zwischen den leeren Chitinpanzern verfallenen Dämonengezüchts und strahlender Nebel tötet jedes neue Leben im Keim und ich weiß, dass der lange Winter angebrochen ist.

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Welt aus Glas Das dreizehnte Fressen Gefangen in einer Zelle aus Glas sitze ich in einem Gefängnis aus Kristall, inmitten einer Welt aus Licht und Schatten;
Welt aus Glas
(Ein Fressen für den Psychiater - Das dreizehnte Fressen)

Glas Gefangen in einer Zelle aus Glas sitze ich in einem Gefängnis aus Kristall, inmitten einer Welt aus Licht und Schatten; schmerzvoll schlage ich auf die Wände ein, doch brechen und nachgeben will niemand; um mich herum schöne Dinge hinter Glas, unerreichbar für meine physische Existenz, während Licht und Schatten das undurchdringbare Nichts wie einen Diamanten mit Millionen Facetten erglitzern lässt; doch ich sammle meine Kräfte und breche die Faust durch das Kristall, scharfe Splitter bilden einen schneidenden Nebel, der Haut und Muskeln zerfetzt; die Grenze ist durchbrochen und lässt mich passieren, um festzustellen, dass die schönen Dinge nur Illusionen aus Licht und Farben sind, die meine Sinne benebeln und die Kräfte bündeln; doch die Wände rücken näher und der Nebel hüllt mich ein, blutige Fetzen und rote Tropfen erfüllen meine Welt, die trotz meinen rasenden Zerstörung immer enger wird und schließlich in einem Inferno aus durchsichtigen Splittern und Blut mein Sein erfüllt.

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Re-Volution Das vierzehnte Fressen Und während ich mich am Rande der Selbstauflösung befand, schrumpfte ich zusammen,
Re-Volution
(Ein Fressen für den Psychiater - Das vierzehnte Fressen)

Und während ich mich am Rande der Selbstauflösung befand, schrumpfte ich zusammen, bekam Haare und wurde zu einem Affe; schrumpfte weiter, erhielt einen langen Schwanz und wurde ein kleiner Primat, dann ein rattenähnliches Geschöpf, verlor die Haare und metamorphierte zum Reptil, dessen Panzer zum Schuppenkleid und Klauen zu Flossen wurden; Kiemen entstanden und ich kroch aus dem Schlamm in das warme Wasser, wo ich meine Lungen erbrach und langsam untertauche; dann verhärteten die Schuppen und wurden zu einem Panzer, während lange Stacheln, Scheren und Augen aus meinem unförmigen Leib hervorbrachen, der jedoch wieder schrumpfte und langsam erweichte, bis ich ein pflanzenähnliches, schleimiges Etwas wurde, das zu einem winzigen Punkt zerfiel.

Ich ward Amöbe, floss schwerelos durch Zeit und Raum und wusste nichts.

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Kreis-Lauf Das fünfzehnte Fressen Obwohl ich mich vorwärts bewege, durch schmale Gänge,
Kreis-Lauf
(Ein Fressen für den Psychiater - Das fünfzehnte Fressen)

Obwohl ich mich vorwärts bewege, durch schmale Gänge, Wälder aus Stacheln und verwinkelte Ebenen ohne einen Halt, komme ich nirgendwo an, befinde mich in einem Laufrad, einem Kreis, der ständig zu seinem Anfangspunkt zurückkehrt und meine Mühen vergeblich erscheinen lässt; ändert ständig seine Zusammensetzung in einer Ausgeburt kranker Phantasien und öder Stupidität; zerquetscht mich langsam innerhalb von äonen zu einem zweidimensionalen Schleim, der ständig bergauf fließt, immer vorwärts, immer aufwärts, um nach Umlauf einer vollen Umdrehung zum Anfang zurückzukehren und dort neu zu beginnen, während das einzige, was seinem Ende entgegentaumelt, die überreste meiner Selbst sind, immer kleiner und kleiner werdend, bis kaum noch etwas übrig ist, das seinem Ende zukriechen kann, und sich nur noch in mikroskopischen Maßstäben vorwärts bewegt, bis es schließlich in den Zwischenräumen der Moleküle und Atome verschwindet.

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Der Nachtmahr Das sechszehnte Fressen Langsam und qualvoll sinke ich in den kleinen Tod hinab, der Moment ohne Gegenwart verstreicht und ich falle tief in dunklen Wolken,
Der Nachtmahr
(Ein Fressen für den Psychiater - Das sechszehnte Fressen)

Langsam und qualvoll sinke ich in den kleinen Tod hinab, der Moment ohne Gegenwart verstreicht und ich falle tief in dunklen Wolken, ohne Sorgen, Gedanken, Erinnerung; doch schon bald erreiche ich den Boden und bin in der unwirklichen Welt des Traumes gefangen, wo Schmerzen eine unwirkliche Form annehmen, wo es niemals Ruhe gibt, sondern immer nur Angst und Flucht das Sein bestimmen; eine ständige Flucht durch die Welten, den Rücken immer dem unsichtbaren Entsetzen zugewand; wo das wahre Leben nie oder nur in Ansätzen als Erinnerung bestehen, obwohl so viele Orte und Menschen bekannt sind, doch oft in vielen Einzelheiten von der Wahrheit abzuweichen scheinen; wo man immer und immer wieder Orte der Kindheit besucht, in scheinbar alle möglichen Parallelwelten und nicht eingetroffenen Möglichkeiten aufgespalten, befremdliche, seltsam verdrehte Räume, furchteinflössende Weiten mit unvorstellbaren Dingen am Firmament; Orte und Städte, die den Orientierungssinn verzweifeln lassen, Maschinen, deren Geister sich in Unberechenbarkeit überbieten, Gefühle von Hass, Angst, Furcht und Wut; Gewaltakte, welche die eigene Friedfertigkeit auf die Probe stellen.
Ich bin hier und möchte nur aufwachen. Doch bin ich wach, ist die Erinnerung zurückgeblieben, und ich will zurück, weil es keine Alternative gibt.

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Dimensionen über mir Das siebenzehnte Fressen Ich existiere in einem einzigen Punkt ohne Dimension, Alles ist Eins und Jeder ist Alles,
Dimensionen über mir
(Ein Fressen für den Psychiater - Das siebenzehnte Fressen)

Ich existiere in einem einzigen Punkt ohne Dimension, Alles ist Eins und Jeder ist Alles, doch ich breche aus, spalte mich ab und erzeuge eine neue Dimension, aus dem Punkt entsende ich einen zweiten Punkt und ziehe eine Linie, klar, leuchtend, rein und eindimensional; ich reise an ihr entlang und folge ihr bis zu ihrem Ende, wo sie im Nichts plötzlich aufhört; zwei weitere haben sich abgespalten und sind mir gefolgt, reisen neugierig die Linie entlang, erfreut und entsetzt von dieser neuen Dimension; doch ich habe noch größere Pläne und spalte von den Enden der Linie zwei Eckpunkte ab, welche die gesamte Dimension spalten und sich in einem 90-Grad-Winkel von ihr wegbewegen in eine völlig neue, zweite Dimension; dünne Linien haben sich zwischen den getrennten Eckpunkten ergeben, die sich langsam straffen und gemeinsam mit der alten, gespaltenen Linie die Grenzen eines neuen Raumes bilden, der die Form eines Quadrats angenommen hat, sofern dieser Name passen sollte für diese wunderbare, zweidimensionale Welt; auch meine zwei Begleiter sind mitgekommen und haben sich dem neuen Raum angepasst; der eine hat sich für die geringstmögliche Oberfläche entschieden und einen perfekten Kreis gebildet, der andere war von der Form der neuen Welt so fasziniert, dass er zu ihrer Ehre ein kleines Quadrat mit perfekten 90-Grad-Ecken wurde; einige mehr waren uns jetzt aus dem Ursprung gefolgt und erkundeten die erste Dimension, während der Kreis einen Geist spielt und seinen Rand in die erste Dimension schiebt, wo eine in ihrer Größe pulsierende Linie die Nachkömmlinge zu Tode erschreckte.
Doch ich hatte noch nicht genug, zog einen imaginären 90-Grad-Winkel in eine weitere Dimension; spaltete das Quadrat entlang seiner Ebene und lies es in die neue Dimension gleiten, während sich neue Kanten zwischen den gespaltenen Eckpunkten bildeten und sich langsam ein Würfel herausbildete; meine Begleiter passten sich dem neuen Raum an und wurden zu einem Würfel und einer Kugel, die wilde 720-Grad-Kunststücke aufführten und die Verfolger in der zweiten Dimension mit ihren Erscheinungen gruselten; doch ich war noch immer nicht fertig und spaltete den Würfel an seinen Kanten, trieb die Eckpunkte erneut in einem 90-Grad-Winkel hinfort und erschuf eine neue Welt mit 16 Ecken und 32 Kanten, deren Herrlichkeit meinen neuen, unvorstellbaren Körper erschaudern lies; während der Tesserakt die Dreidimensionalen als sich absurd veränderte Gestalt aus Flächen und Kanten terrorisierte und die aufgestiegene Kugel mit ihrer neuen, unvorstellbaren, perfekten Erscheinung mich nötigte, mein ketzerisches Werk zu überdenken.
Doch sollte ich keine Gelegenheit mehr finden, mein Werk weiterzuführen oder einzustellen, da mein Schaffen nicht unbemerkt geblieben war; grauenvolle metallisch glänzende Strukturen erschienen, verzerrten sich und hüllten mich ein; die mächtigen Hände der Fünfdimensionalen umklammerten mich wie ein Gefängnis aus Eis, drückten und quetschten mich und die Welt um mich herum, brachen Verbindungskanten auf und zerbrachen die Flächen, bis meine Welt nur noch Drei Dimensionen hatte, doch war ihnen das nicht genug, da sie nun von oben drückten, bis der Raum flach wie Papier war, schoben dann von der Seite, bis es nur noch eine Linie gab und quetschten dann die Linie von beiden Seiten, bis nur noch ein einziger, winziger Punkt übrig war, wo alles wieder miteinander verschmolzen ist und außer mir nichts anderes existiert.
Doch ich erinnere mich an die einst große, herrliche Welt, die ich war, und auch, dass außerhalb meines Daseins unzählige winzige Lichter in der Ewigkeit glänzten, jedes ein individueller Punkt wie ich; bereit, eines fernen Tages ein eigenes Universum zu werden und mit winzigen Ich-Splittern seiner Selbst zu befüllen und zu beleben.

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Kometenschein Das achtzehnte Fressen Des Nachts liege ich im Freien, blicke zum Sternenhimmel hinauf und erfreue mich an den Lichtern,
Kometenschein
(Ein Fressen für den Psychiater - Das achtzehnte Fressen)

Des Nachts liege ich im Freien, blicke zum Sternenhimmel hinauf und erfreue mich an den Lichtern, die unerreichbar fern sind und doch so nahe scheinen; sehe mächtige Sonnen, die gigantische Mengen an Hitze und blendenden Licht über Milliarden von Jahre abstrahlen und doch nur als winzige Punkte erscheinen.
Dann jedoch erscheint aus den Weiten des Raums ein Komet, der all die anderen Lichter überstrahlt, die Nacht zum Tage macht und mit seinem gleißenden Schein selbst das innere meiner Selbst erhellt und die Dunkelheit und Schatten verkochen lässt, die so lange in mir verborgen waren.
Doch der Komet fliegt schnell weiter auf seiner Bahn und mir wird klar, dass er sehr bald wieder unter dem Horizont verschwindet und für äonen durch die Ferne des Raumes ziehen wird und vielleicht erst dann wieder erscheint, wenn die Erde und ich schon längst zu Sternenstaub zerfallen sind.
Ich habe aber noch Zeit und versuche, ihn zu erreichen, strecke meine Glieder und springe ihm entgegen, doch es gelingt mir nur, seinen Schweif zu berühren; ich atme ihn ein, schmecke den Duft und halte diesen Moment an, um ihn vielleicht bis in die Ewigkeit hinauszudehnen.

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Sic Transit Gloria Mundi Das neunzehnte Fressen Glühend strahlt die Sonne auf mich herab, trocknet mich aus und verbrennt meine Haut,
Sic Transit Gloria Mundi
(Ein Fressen für den Psychiater - Das neunzehnte Fressen)

Glühend strahlt die Sonne auf mich herab, trocknet mich aus und verbrennt meine Haut, doch zieht der Feuerball schnell über den Himmel, zu schnell; nach Augenblicken versinkt er hinter dem Horizont und lässt nur Dunkelheit zurück, die zu lähmender Kälte und Eis wird; ich richte mich auf, um nicht von dem sich ausbreitenden Eis umschlossen zu werden, doch kaum sind meine Füße am Boden festgefroren, geht hinter meinem Rücken wieder das Feuer auf, lässt das Eis verdampfen und folgt ruhelos hetzend seiner Bahn, wärmt mich wieder auf, vernichtet die Eiskristalle in meinen Adern und lässt das Blut wieder kochen, das aus vielen kleinen Wunden auf den staubigen Boden tropft und dort verdampft; doch schon die nächsten roten Tropfen fallen im letzten Licht der versinkenden Glut, werden auf dem Boden zu roten Kristallsplittern, die sich mit dem aus Ritzen und Fugen hervorquellenden Eis vermischen und winzige Vampirinsekten nähren, die langsam meine Beine hinaufkriechen und sich in mein Fleisch bohren, wo sie im nächsten Moment von der schon wieder aufgehenden Sonne überrascht werden, zu schwarzen Kugeln erstarren und schließlich platzen, während das Licht wieder hinter dem Horizont versinkt; schneller und schneller drehen sich die Bahnen der Gestirne, bis die Sonne ein beständiger Lichtstreifen am Firmament wird und sämtliches Leben zu ersticken scheint; dann sinkt der Lichtstreifen zum Horizont hinab, wandert kurz darauf hoch zum Zenit und senkt sich wieder, immer schneller und schneller, und obwohl die äonen in Augenblicken vergehen, scheint es mir, als wäre die Zeit angehalten, als wäre die gesamte Geschichte auf einen kurzen Moment konzentriert, um mich herum entstehen Königreiche und vergehen wieder in dem selben Moment; während der flackernde, unwirkliche Himmel rot wird und Flammenzungen den Horizont in zeitlosen Feuern vergehen lassen; doch plötzlich erlischt ein jedes Licht und ewige Finsternis legt sich über mich, meine Füße versinken in dem glasigen Boden, der zu einem einzigen Kristall erstarrt, während die Gestirne in langen Ketten über den Himmel ziehen, explodieren oder leise vergehen, in schwarzen Löchern verschwinden oder selbst zu welchen werden.
Und während der kosmische Totentanz zu seinem großen Finale ansetzt und alle Masse auf einen einzigen Punkt zuströmt, von ihm verschluckt wird und sich die Grenzen zwischen Materie und Energie auflösen, frage ich mich, warum ich noch am Leben bin; doch ich blicke mich um und erkenne, dass ich schon lange nicht mehr unter den Lebenden weile und nun außerhalb von allem stehe, was jemals existierte; dass ich zu einem Beobachter geworden bin, der ich schon immer war und der nun als einziger das Ende der Schöpfung mit ansehen sollte.
Doch als alles, was war, zu einem einzigen Punkt verschmilzt, der nun im Nichts vor mir schwebt, streckte ich meine Hand aus und berühre ihn mit einem Finger; der Punkt explodiert, Energie und Materie werden wieder zu unterschiedlichen Wesenheiten und alles strömt auseinander, damit der Kreislauf von neuem beginnen kann.
Nur noch ich stamme aus dem vergangenen Zeitalter, welches sich niemand auch nur vorstellen kann, und bin einsamer als je zuvor.

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Die Maschine Das zwanzigste Fressen Auf einem kahlen Felsplateau stand ein großer schwarzer Kasten; eine Maschine, deren Reparatur mir übertragen worden war;
Die Maschine
(Ein Fressen für den Psychiater - Das zwanzigste Fressen)

Maschine Auf einem kahlen Felsplateau stand ein großer schwarzer Kasten; eine Maschine, deren Reparatur mir übertragen worden war; ich nähere mich vorsichtig dem Scheinobelisken und betrachte ihn genau; auf den abnehmbaren Oberflächen sind Knöpfe, Schalter und Digitalanzeigen; ich drücke hier und da, doch verändert sich nichts; ich drehe links und schiebe rechts, doch die Maschinerie bleibt tot; deshalb nehme ich die Deckplatten ab und blicke in das Innere, erfüllt von Drähten, Kabeln und dünnen Stangen, Zahnräder und Getriebe, Organe und Chemiekalienmischungen; ich finde einen lockeren Draht und befestige ihn, doch tut sich nichts; ich wackle an einer verbogenen Stange, doch ist sie heiß und verbrennt meine Finger; ich entdecke eine menschliche Rippe, die in einem Getriebe steckt, und ziehe den blutigen Knochen hinaus, doch bringt auch dies kein Leben in den Apparat; im Zwielicht hinter einer scharfen Klinge finde ich einen Startknopf, doch dieser lässt nur das leise Summen ersterben, das mir bist jetzt nicht aufgefallen war; auch meine Hand zerschneide ich bei diesem sinnlosen Griff; aus einem Spalt in der Decke rieselt Salz und brennt in den Schnittwunden; dann versuche ich es wieder mit Knöpfen und Reglern, doch umsonst; die Resignation wächst und ich wage einen letzten Versuch, spreche direkt zu dem Geist in der Maschine, doch dieser antwortet nicht; deshalb greife ich wieder hinein und breche einen Knochen entzwei; ein heller Schrei durchbricht das Schweigen und bringt einen Teil der Maschinerie in Gange; doch ist es der falsche Teil, denn Drähte erscheinen und umschlingen meine Glieder, zerren mich hinein in das Gewirr aus Stahl und Bein; wo Draht und Metall mein Fleisch zerschneiden; wo Zahnräder meine Knochen zermalmen und Säuren zischend mein Blut zu schwarzem Qualm werden lässt; wo sich Fetzen und überreste meines Körpers mit Schaltkreisen und Kabeln verbinden; wo selbst mein Geist in Bits zersetzt und in einsam-isolierten Neuronen gespeichert werden, um fortzubestehen bis zum jüngsten Tag, wenn die Maschine erwacht und das Tor öffnet in eine Welt, aus der sie die gequälten Seelen der äonen ausspeit und entlässt in eine sterbende Welt.
Auch Ich bin jetzt nicht mehr, es gibt nur noch Wir:
Die Zahnräder in den Getrieben der Höllenmaschinerie.

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Gedanken werden Wörter Das einundzwanzigste Fressen Ein starker Kopfschmerz quält mich bereits seit Wochen, ein Schmerz, der von dem überdruck der Worte kommt,
Gedanken werden Wörter
(Ein Fressen für den Psychiater - Das einundzwanzigste Fressen)

Ein starker Kopfschmerz quält mich bereits seit Wochen, ein Schmerz, der von dem überdruck der Worte kommt, die unter meiner Schädeldecke pulsieren, sich vermehren und den Druck stetig erhöhen, bis die Hirnmasse zu den Ohren und Augen hinausgequetscht wird, denen die Worte folgen; das reine Wort, die Essenz der Gedanken in wenige Zeichen gefasst, die heraussprudeln und um meinen Kopf herumfliegen, sich in Wände und Boden einbrennen, sich mit Säure und kaltem Feuer in die ewige Erinnerung der Welt einprägen; immer mehr werden es, viel zu viele, um sie noch irgendwie kontrollieren zu können, ich fliehe vor ihnen, fliehe hinaus aus der Stadt auf das Land und in den Wald, doch sie verfolgen mich, fliegen hoch durch die Luft und graben sich durch den Boden, folgen der Spur der Neugeborenen, die sich weiter aus meinen Körperöffnungen hinauswinden und die Welt erkunden; doch werden es mehr und immer mehr; erfüllen die Luft mit summen und die Erde mit brummen, verewigen sich in Bäumen und Boden, Felsen und Tieren, in einer wilden Raserei, welche die Luft mit dem Gestank von brennendem Holz und Fleisch erfüllt; dann schließen sie sich zusammen, bilden längere Wörter und ganze Sätze, welche durch die Luft wirbeln, Bäume in Stücke hacken und blanken Fels in Flammen aufgehen lassen; alle sind sie dort vereint in einer monumentalen Symphonie des Grauens: Hass und Liebe, Krieg und Frieden, Sex und Verlangen, Schmerzen und Tod; erfüllen die Luft und breiten sich über das Land aus wie eine Atompilz aus Fledermäusen und Raben, ziehen bis in die letzten Winkel der Welt und metzeln alles nieder mit dem Ziel, unsterblich zu werden in einer Welt, in der doch alles irgendwann einmal vergeht.
Doch ich bin noch immer da, der Schmerz raubt mir den Atem und lässt mich niederfallen auf die Knie, ich übergebe mich und erbreche noch mehr Worte; kaum, dass sie als Gedanken entstanden sind, strömen sie aus meinem Kopf, eingehüllt in Blut und Schleim und sind bereit, die ihnen gebührende Aufmerksamkeit von der Welt einzufordern, koste es, was es wolle; dann ein Schlag, ein Schnitt, ein Schmerz; ein scharfer Satz hat mich von hinten entwischt und mir die Schädeldecke abgeschlagen, sodass die Worte nun ungehindert in die Welt entfliehen können, breiten sich aus, gleich einem düsteren Nebel aus scharfen Spitzen und Kanten, Ideen und Meinungen, Liebesschwüren und Hasstiraden; hinaus in die Welt, bis zu deren Kanten und immer weiter, hinaus in den Raum und hinein in die Atome, hinfort in die vergessene Vergangenheit und die niemals zu Realitäten werdenden Zukünfte, raus aus meinem Kopf, raus aus meinem Leben, weg von meinem Verstand!

Dann Nichts, nur Schwärze, dunkle Schmerze.
Ein stetes plätschern, ganz leise nur; von stillen Gedanken ohne Zensur.
Das Wortmassaker ist vorbei, die Wörter auf Papier gebannt; mein Schädel völlig ausgebrannt.
Vielleicht, so denk ich, muss sein, der Worte lichter, heller Schein, erst zu entfesseln, dann zu bannen. Denn die Gedanken auf Papier, die vorher waren tief in mir, sind plötzlich hier in unsrer Welt.
Um sie zu erobern und eines Tages vergessen zu werden.

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Mein fester Turm im Niemandsland Das zweiundzwanzigste Fressen Im Niemandsland zwischen den grausamen Feinden stehe ich und kann weder vor noch zurück, während die Legionen näher rücken und ihre Klingen schärfen;
Mein fester Turm im Niemandsland
(Ein Fressen für den Psychiater - Das zweiundzwanzigste Fressen)

Turm Im Niemandsland zwischen den grausamen Feinden stehe ich und kann weder vor noch zurück, während die Legionen näher rücken und ihre Klingen schärfen; doch ich schneide Steine aus dem Fels und erbaue mir einen Turm aus Granit und Blutzement, schnell wächst er empor und überragt die Welt und die Zeit und jeden Feind, der da kommt; schon kurz darauf stehen sich die Armeen gegenüber und ich zwischen ihnen; während das Wutgeschrei ertönt und die Kriegstrommeln schlagen, stürmen die Feinde aufeinander zu, stechen und schlagen, schneiden und sterben, doch von meinem Turm prallen die Pfeile ab und die Klingen brechen, während ich oben stehe und aus sicherer Entfernung das Gemetzel unter mir erblicke und beide Seiten bemitleide ob der vielen, sinnlosen Tode.

Die kommenden Jahre vergehen und die Mauern meines Turms werden dicker, doch auch die grausamen Städte zu beiden Seiten wachsen und gedeihen und schon bald stehen sie sich wieder gegenüber, reiten auf feuerspeienden Stahlmaschinen, schleudern sich lungenzerfressende Säuredämpfe und splitternde Explosionen entgegen, doch mein Turm hält Feuer und Geschossen stand und verliert nur wenig Substanz an der äußersten Schicht, während Fleischteile und verbogene Metallfetzen sich um ihn herum auftürmen und die Gifte das Erdreich verpesten; doch ich bin in Sicherheit und fürchte mich nicht, denn mein Turm hält alles Leiden von mir fern.

So vergehen die Äonen und Müonen, neue Grenzen werden gezogen und alte Mauern zerfallen zu Staub, doch das Niemandsland wagt keiner zu betreten, denn der alte Turm ohne Tür ängstigt die Menschen und man erzählt sich Legenden von einem grausamen Dämon, der ihn ihm wohnt, doch dieser Dämon bin nur ich genüge mir selbst und lebe in meiner eigenen unendlichen Welt innerhalb der dicken Mauern fernab der Welt und mitten in ihr.

Und bald, schon bald erheben sich wieder die Schwerter aus Feuer und Silizium, der letzte aller Kriege kündigt sich an, wieder sammeln sich die Legionen des Todes und Maschinen der Zerstörung, nähern sich von beiden Seiten dem Niemandsland, rollen auf Ketten, laufen auf stählernen Beinen und Stelzen, fliegen hoch am Himmel zwischen den schwarzen Wolken und bewegen sich auf unsichtbaren Fäden im äther der Elektronik; und so erfasst der letzte Krieg die ganze Welt, doch ich befinde mich im Mittelpunkt, wo die Feinde aufeinander prallen und die Körpersäfte und Maschinenflüssigkeiten in Strömen aus den toten Leibern und zerborstenen Metallhüllen hinausfließen, kleine Feuerpilze aus dem Boden wachsen und der Himmel in Flammen steht; doch mein Turm steht sicher und fest im Felsengrund und hält die Todesgewalten von mir fern.

Und dann, als die ganze Welt in Flammen steht und sich eine Schlackemeer von Horizont zu Horizont erstreckt, höre ich ein Summen, tief in meinem Kopf, welches sich ausbreitet, meinen Körper erfasst und in die Wände des Turm eindringt, ihn zum vibrieren und ächzen bringt und in Wellen über die Außenwelt hineinbricht, das Meer aus toter Materie zum dampfen und kochen zwingt, während die gesamte Energie in meinen Kopf zurückfließt, sich ansammelt und mein Körper anfängt zu glühen, bis die Wände des Turmes schmelzen und alles auseinander fällt; doch ich sauge ihn auf, sauge alles auf; die Welt fließt in mich hinein, verdichtet sich mehr und mehr, bis ich unter dem Druck kollabiere, resigniere und explodiere.

Ich werde die Welt und die Welt dehnt sich aus, werde zu einer Kugel aus Atomen und Feuer, werde ein neuer Stern und fege die kläglichen überreste der Schlacke hinfort, strahle auf in der Dunkelheit des Weltenraums, sehe mich um und ziehe hinfort; hinaus in die unendliche Ewigkeit.

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Das Licht am Horizont Das dreiundzwanzigste Fressen In dem Land der Dunkelheit wandelte ich zwischen toten Bäumen und nackten Felsen durch abgestorbenes Gras,
Das Licht am Horizont
(Ein Fressen für den Psychiater - Das dreiundzwanzigste Fressen)

In dem Land der Dunkelheit wandelte ich zwischen toten Bäumen und nackten Felsen durch abgestorbenes Gras, und das einzige Licht stammte von leuchtenden Flechten und Phosphorwürmern, die sich sterbend im schwachen Schein ihrer Artgenossen auf dem Boden windeten und leblose Käfer fraßen und meinen Weg nur schwach beleuchteten, während ich mich mehr tastend als sehend voranwagte auf der Suche nach Erleuchtung und einem Ausweg aus dem tristen Dunkel; doch dann, am Horizont, den ich nie zuvor gesehen hatte, erschien ein schwaches glimmen und tauchte die Landschaft in Dämmerung, ich sah Berge und Wälder und schlafende Riesen zwischen den verfallenen Ruinen uralter Städte; die Würmer auf meinem Weg sogen die Dämmerung in sich auf, wurden stärker und bohrten sich tief in die Erde; das glimmen wandelte sich in ein glühen, die Dämmerung schwand und wurde zu Halbdunkel und meine an die Finsternis gewöhnten Augen begannen zu schmerzen, während das Gras grün wurde und die Bäume sich von den Flechten befreiten, um ihren eigenen Blättern Platz zu schaffen; vom Horizont jedoch stieg eine Feuerwalze auf, sodass er zu brennen schien, in Sekunden überflutete Licht die Welt, an das sich meine Augen kaum schnell genug gewöhnen konnten, und die Feuerwalze stieg weiter, aber kam nicht näher und ich erkannte den Sonnenaufgang, doch war er zu groß, größer als die Sonnen in meiner schwachen Erinnerung; nur wenig später war der gesamte Horizont in helles Licht getaucht und die Schatten der Bäume und Felsen wurden schärfer, während die Blätter wieder verdarben und das Gras nun schlaff und trocken am Boden lag; nun suchte ich den Schatten, kauerte mich hinter einen Felsen, doch der Feuerball stieg höher, das Licht wurde zu einem gleißenden brennen und die Schatten immer kürzer; schon wenig später bedeckte der Stern den halben Himmel, Bäume gingen in Flammen auf und meine Augen konnte ich kaum noch offen halten, doch hätte ich auch nichts anderes sehen können als Feuer am Himmel und Feuer um mich herum, dessen Flammen züngelten und sich vorantasteten nach etwas, das sie verzehren konnten, und eine mikroskopische Ewigkeit später wurde mir mein unabwendbares Schicksal bewusst, denn der schwache Schatten war aufgebraucht; und so trat ich hinaus, stelle mich in den Schein der Flammen, öffnete die Augen und sah in das Licht, das strahlend weiß den Himmel bedeckte, und sah das Feuer, welches mich eingeschlossen hatte; und so hob ich die Arme, um mich von den Flammen berühren zu lassen, die meine Haut hinabtropfen und mein Fleisch vertrocknen ließ; und meine Augen schmolzen in ihren Höhlen dahin, bevor das Feuer meinen Körper verzehrte und mein Staub von dem Sog der Feuersäulen emporgetragen wurde, während mein Ich noch einmal zurück in das tiefe Dunkel sah und sich dann dem ewigen Licht zuwandte, um darin aufzugehen.

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Warten auf den Schnitter Das vierundzwanzigste Fressen Wenn der Sommer stirbt wie die Blätter an den Bäumen und der Herbstnebel das Land bedeckt,
Warten auf den Schnitter
(Ein Fressen für den Psychiater - Das vierundzwanzigste Fressen)

Gräber Wenn der Sommer stirbt wie die Blätter an den Bäumen und der Herbstnebel das Land bedeckt, die Tage kürzer werden und die Dunkelheit durch alle Ritzen in die Häuser und in die Köpfe hinein kriecht, dann liegt das alte Jahr in seinen letzten Zügen und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis der Schnee ein jedes Leben unter sich begräbt und erstickt.
In dieser Zeit ist der Tod uns näher als zu jeder anderen Zeit, dringt ein in die Gedanken der Schwermütigen und Melancholiker, zersetzt den Lebenswillen der Lebenden und sickert hinein in die Wünsche und Träume, um sie zu holen in das Reich der Toten, auf dessen Schwelle wir in diesen Tagen und Wochen stehen.
Und so liege ich wach in den Stunden der Dunkelheit und sehne mich nach Leben und Tod, nach Schlaf und erwachen; nach dem ewigen Schlaf und dem aufwachen aus dem ewigen Traum.
Denn ist schließlich das Leben nichts anderes als ein langer Traum?
Haben das menschliche Leben und die dreidimensionale Existenz nicht die selben absurden Beschränkungen wie so mancher Traum, in dem wir nur selten alles wissen über unser Leben außerhalb des Traums, so wie wir im wachen Leben nichts wissen über unsere Existenz außerhalb dieser Welt?
Ist der Tod denn nichts anderes als das entgültige erwachen aus dem Traum des Lebens, aus dem Leben in einem langen Traum?
Und hat nicht jeder schon einmal versucht, verzweifelt aus einem Alptraum zu erwachen, doch sich nach dem erwachen aus einem schönen Traum gewünscht, sofort wieder einzuschlafen und weiterzuträumen?

Der Tod ist nicht nur ein Ende, sondern auch ein Anfang, so wie die Geburt nicht nur der Anfang, sondern auch ein Ende ist.
Und wir, die Melancholiker und Träumer, werden uns freuen, wenn der Schnitter unsere Seelen erntet; es muss weder heute noch morgen sein, doch wenn es soweit ist und der letzte unserer Tage kommt, sind wir bereit und werden das Ende nicht fürchten; denn wir haben keine Angst vor dem Weg, den so viele Ahnen vor uns beschritten haben und auf dem uns alle Nachfahren folgen werden.

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Doppelgänger Das fünfundzwanzigste Fressen Ich betrete den Raum im Zentrum der Realität, ein dunkler Saal mit schwarzen Wänden aus reinem Nichts;
Doppelgänger
(Ein Fressen für den Psychiater - Das fünfundzwanzigste Fressen)

Spiegel Ich betrete den Raum im Zentrum der Realität, ein dunkler Saal mit schwarzen Wänden aus reinem Nichts; in ihm stehen Spiegel, Massen von Spiegeln, unendlich viele Spiegel, angeordnet in einem Chaos aus Flächen, Quadern und interdimensionaler Geometrie; ich gehe hinein in das spiegelnde Labyrinth und sehe mich selbst tausendfach, millionenfach in den Flächen; doch nicht ich bin es, sondern meine Brüder aus den anderen Welten, aus den parallelen Realitäten; aus den Welten, die niemals zu meiner Wirklichkeit geworden sind; aus den Realitäten, die sich von meiner Wirklichkeit abgespalten haben wegen Entscheidungen, die ich getroffen habe, die andere getroffen haben oder wegen Zufällen, die ich niemals ergründen werde; ich dringe ein in das Labyrinth, gehe zwischen die Spiegel und betrachte mich selbst und sehe, was ich niemals geworden bin; einige meiner Spiegelbilder sehen aus wie ich und sind es auch fast, sie führen das selbe Leben wie ich und nur einzelne Atome ihren Realitäten unterscheiden sich von den meinen; andere meiner Brüder ähneln mir, doch unterscheiden sich durch einzelne oder viele Entscheidungen, die getroffen wurden; manchen geht es besser als mir und anderen schlechter, einige sind reich und mächtig, andere arm und krank, manche glücklich, manche unglücklich und einige auch tot, einigen fehlen Gliedmaßen oder Organe und andere sind dem Wahnsinn anheimgefallen, einige sind glücklich verliebt und andere von Einsamkeit zerfressen; ich gehe tiefer in die Spiegelwelt und blicke tiefer in die Auswüchse des Multiversums, sehe meine Doppelgänger im Weltraum und unter der Erde leben, sehe sie in tiefen Ozeanen, ultravioletten Urwäldern, Siliziumwüsten und auf verlassenen Monden am Rande sterbender Galaxien, sehe sie umgeben von Feuerwänden, Plasmawolken, Gasnebeln, Stahlhöhlen und ewigem Eis, sehe sie glücklich und traurig, lachend und voller Wut, in Ektase schwebend und dem Freitod nahe, von Orgasmen durchströmt und von Schmerzen gebäumt; dann sehe ich meiner Selbst von so seltsamen Auswüchsen fremdartiger Evolutionen, dass ich mich kaum erkenne; sehe mich als Reptilienwesen und Vogelmensch, als Amphibium und Fischgestalt, Als Pflanze, Pilz und lebendes Gestein, als Feuergott und Eisdämon, als überwesen aus Licht und Energie und als einen steten Strom von Gedanken in den Neuronen und Synapsen der Existenz.
Ich sehe sie alle und kenne doch keinen von ihnen, jeder einzelne von ihnen bin ICH weiß trotzdem nichts über SIE sind Fremde für mich und mir trotzdem näher und ähnlicher als jedes andere Lebewesen meiner eigenen kleinen Welt.
Doch was nützt es mir, sie zu sehen; zu wissen, was ich hätte werden können oder nun wäre, hätte sich mein Leben oder die Welt um mich herum anders entwickelt?
Will ich wirklich auf meine bleichen Knochen gleichgültig hinabschauen oder beim Anblick eines meiner glücklichen Doppelgänger vom Neid zerfressen werden?
Ich überlege, die Spiegel zu zerschlagen, doch sind sie echte Welten oder nur Fenster zu ihnen?

Stattdessen mache ich nichts, gehe zurück in meine eigene Welt und versuche, zu vergessen und irgendwie glücklich zu werden.

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Warum ich noch lebe Das sechsundzwanzigste Fressen Wenn mich in den Momenten der Einsamkeit eine tiefe Sehnsucht nach dem Tod überkommt, erscheint das Ende manchmal so nahe wie eine scharfe Klinge;
Warum ich noch lebe
(Ein Fressen für den Psychiater - Das sechsundzwanzigste Fressen)

Wenn mich in den Momenten der Einsamkeit eine tiefe Sehnsucht nach dem Tod überkommt, erscheint das Ende manchmal so nahe wie eine scharfe Klinge; wie einfach wäre es doch, die Stop-Taste zu drücken, alles hinter sich zu lassen und in eine andere, bessere Welt hinüberzugleiten, während das warme Blut aus den Adern fließt und der letzte Atemzug die Lunge verlässt.
Ist es die Tat eines Helden oder die Flucht eines Feiglings, selbstbestimmt aus dem Leben zu scheiden? Sollte man aus Angst weiterleben oder ist es Mut, weiterhin die Tage zu zählen? Was hält mich, was hält uns alle denn hier auf dieser Welt? Was ist das Geschenk des Lebens wert, wenn es keinen Wert mehr hat? Der überlebenswille ist jedem lebenden Wesen in die Gene einprogrammiert, doch die Angst vor dem Tod ist es nicht. Ist nicht die überwindung der Angst der größte Schritt, den man machen kann?
Hier bin ich nun und sehe die Tage, Wochen, Monate und Jahre an mir vorüberziehen und nähere mich dem Tod mit jedem einzelnen Herzschlag. Höhen und Tiefen wechseln sich ab und gehen nahtlos ineinander über, doch nur die Tiefen bleiben in Erinnerung und reißen Narben in meine Seele. Wo sind die Höhepunkte, wo ist die Liebe in meinem Leben? Ich warte und hoffe, doch mein Schicksal erfüllt sich nicht; oder ist gerade das mein Schicksal?

Ich weiß, dass es mir besser geht als den meisten anderen Menschen, die auf diesem Planeten leben oder gelebt haben, doch ist das Grund genug, um glücklich zu sein? Bin ich nicht letztlich nur mir selbst Rechenschaft schuldig? Ich halte mich für einen guten Menschen, doch nicht allen guten Menschen widerfahren nur gute Dinge.
Doch was hält mich nun davon ab, mir selbst ein Ende zu setzen? Ist es vielleicht doch Angst; vor dem kurzen Schmerz oder der Ungewissheit? Ist es die Hoffnung, dass sich vielleicht doch noch alles zum guten, nein, zum besseren wendet? Ist es das Wissen, dass mein Ende bei anderen Menschen Schmerz verursachen würde? Wäre ich ganz allein, müsste ich mir diese Frage nicht stellen; doch obwohl ich mich einsam fühle, bin ich trotzdem nicht allein; es gibt Familie und Freunde, denen ich nicht gleichgültig bin. Vielleicht ist dieses Wissen das einzige, das mich von dem letzten Schritt abhält. Es gibt andere, die den letzten Schritt trotzdem gewagt haben und nicht nur ihren leblosen Körper, sondern auch Schmerzen bei den anderen hinterlassen haben, denen sie nicht gleichgültig waren. Kann ich so einsam und gleichgültig sein, es trotzdem zu wagen? Jedes mal, in den Stunden der Einsamkeit, stelle ich mir diese Frage, wäge Für und Wider gegeneinander ab und komme zu dem Ergebnis: Nein, heute nicht, noch geht es; noch kann ich weiterleben; noch bin ich nicht bereit; meinen Seelenschmerz abzulegen und in dieser Welt zu lassen, auf die anderen zu übertragen. Morgen ist ein neuer Tag, nächste Woche ist eine neue Woche, es folgt ein weiterer Monat und vielleicht ein neues Jahr; und wenn schon nicht in der Vergangenheit, dann finde ich vielleicht in der Zukunft doch noch das Glück, auf das ich warte. Sterben kann ich auch später noch, doch die Hoffnung, die stirbt immer zuletzt.

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Die Mauer Das siebenundzwanzigste Fressen Im Lande der Dämmerung wandere ich, mein Ziel scheinbar klar vor Augen: Es ist das Reich der Sonne und des Lichts;
Die Mauer
(Ein Fressen für den Psychiater - Das siebenundzwanzigste Fressen)

Im Lande der Dämmerung wandere ich, mein Ziel scheinbar klar vor Augen: Es ist das Reich der Sonne und des Lichts; am Horizont sehe ich verheißungsvollen Schein, der mich lockt wie jedes andere Leben, das gen Lichte strebt. Es ist ein grausames, düsteres Land, das ich durchqueren muss; mal wüst und steinig, mal sumpfig und modernd, und ständig eine Qual für meine müden Beine.

Bald schon bin ich näher an meinem Ziel, doch der Horizont verheißt nichts gutes: Eine Mauer wie ein Berg; eine hohe, glatte Wand, dessen Kante so hoch zum Himmel reicht, dass nur noch wenig Licht von der verheißungsvollen anderen Seite kündet. Doch trotz der Mauer vor Augen hoffe ich noch und gehe weiter, immer weiter, durch feindliches Land aus Klingen und Spalten, die mich verschlucken und schneiden wollen; durch Wälder aus Schlingen und Tentakeln, durch Feuer und Eis, Wasser und flüssiges Gestein; während die Mauer immer höher zu werden scheint, die zu beiden Seiten unendlich sich streckt und in Nebeln und Ferne sich verliert.

So kommt der Tag, nach langen Qualen, an dem ich den Fuß der Mauer erreiche; ich sehe nach oben und lasse alle Hoffnung fahren, denn sie scheint mir höher als die Welt und mächtiger als die Zeit zu sein. Ich berühre die glatte, rauhe Oberfläche und spüre ihr abweisendes Wesen unter meinen Fingerkuppen; klopfe dagegen und höre nichts; nehme einen Stein und schlage dagegen, doch dieser zerbricht wie Glas.

Was soll ich tun? Wie durchbreche ich eine Mauer, der selbst die Zeit nichts anhaben kann?
So sitze ich davor, sehe sie an und warte auf den Tag, der niemals kommen wird.
Und frage mich: sperrt sie mich ein oder schließt sie mich aus? Wahrscheinlich beides zugleich.

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Ständiges Verlangen Das achtundzwanzigste Fressen Einst war ich im Wald der Sünde und kostete die Verbotene Frucht. Sie schmeckte süß und saftig und stieg mir zu Kopf,
Ständiges Verlangen
(Ein Fressen für den Psychiater - Das achtundzwanzigste Fressen)

Wald Einst war ich im Wald der Sünde und kostete die Verbotene Frucht. Sie schmeckte süß und saftig und stieg mir zu Kopf, vernebelte die Wahrnehmung und dehnte die Zeit; ich fühlte mich gut, wirklich gut, deshalb aß ich mehr von ihnen, viel mehr, doch das Gefühl steigerte sich nicht, sondern ließ irgendwann nach und ich fühlte mich wieder normal und elend zugleich.

Doch bald kam ich wieder und aß mich satt und das Wonnegefühl stieg mir wieder zu Kopf und ich schwebte zwischen Himmel und Erde, doch irgendwann stürzte ich wieder zu Boden und blieb liegen zwischen Steinen und Schlamm und träumte weiter den Flug des Ikarus.

Nach einigen Tage näherte ich mich wieder dem Wald, doch ich erinnerte mich an den tiefen Fall und wagte es nicht mehr, ihn zu betreten; so schlich ich um ihn herum; doch der Wald wollte mich und so wurden die Bäume zu Oktopoden und die Äste und Wurzeln zu Tentakeln; und so wird der Wald zu einem Schwarm aus Fangarmen und Saugnäpfen, der mich verfolgt und einkreist und umschlingt; doch ich kämpfe nicht, obwohl ich es könnte; ich ergebe mich dem Tentakelwald und esse die Früchte und schwebe und fliege hinfort und betrachte den Malstrom aus Tentakeln von oben und erfreue mich an seinem Anblick; und schon bald falle ich wieder hinab, doch die Tentakeln fangen mich auf und umschlingen mich sanft und liebkosen mich und füttern mich mit ihren süßen Früchten, bis ich wieder hinaufschwebe in die Wolken und durch Raum und Zeit entschwebe in unbekannte Gefilde und Eins werde mit allem, was mich umgibt.

Doch je höher ich schwebe, desto tiefer werde ich fallen, und dieses mal erwarten mich keine Tentakeln und Früchte, nur harter Stein und scharfes Metall und Schmerz; kalter, eisiger, scharfer Schmerz, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit; grausamer Entzug und das ständige Verlangen, wieder im Reigen der Tentakeln zu fliegen; nur einmal noch und dann bestimmt nie wieder.


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Isolation Das neunundzwanzigste Fressen Einst wandelte ich unter den Menschen, als wäre ich einer von ihnen.
Isolation
(Ein Fressen für den Psychiater - Das neunundzwanzigste Fressen)

Einst wandelte ich unter den Menschen, als wäre ich einer von ihnen. Ich nahm an ihren Ereignissen teil, redete mit ihnen und wurde für einen von ihnen gehalten. Ich simulierte das, was man Smalltalk nennt, stand herum und rauchte selbstgedrehte Zigaretten, weil die Raucher sich stets in Gruppen tummelten wie Heringsschwärme oder Pinguine in den eisigen Weiten der Antarktis. Auch hatte ich Freunde eines mittleren Freundschaftsgrades, die sich zwischen seichten Bekanntschaften und denjenigen Individuen bewegten, die für mich wie Brüder sind. Freundschaftsgrade sind eine schwierige Sache, weil sie nicht eindeutig sind wie Zahlen, sondern sich bewegen wie Elektronen, die den flimmernden Gesetzen der Unschärferelation unterworfen sind. Jemand anders als ich, wahrscheinlich sogar jeder andere, hätte es geschafft, die Unschärfe aufzulösen, doch mir gelang es nicht. Das flimmern wurde schärfer und verbrannte meine Augen, und so zog ich mich geblendet zurück in die Wälder, um in selbstgewählter Einsamkeit zu vergehen, zu vergessen und zu erinnern.
Soziale Konstruktionen sind mir ein Graus, doch gleichzeitig brauche ich sie. Dies wurde mir nach Jahren bewusst, als die Menschen, die ich lange nicht sah und doch nie vergaß, noch immer aus den Erinnerungen hervorbrachen und mich fragten, wo ich sei, was ich tat und ob ich dabei glücklich bin.

Nein, ich bin nicht glücklich. Ich bin ein Herdentier, doch fühle mich von der Herde erdrückt. Ich stehe am Rand und ziehe mich oft zurück, doch genauso oft kehre ich zurück, weil das Leben ohne Herde schwieriger ist als das Leben in ihr.

Freunde, die wie Brüder sind. Auch Brüder streiten sich und haben mal für kürzere, mal für längere Zeit keinen Kontakt. Doch bleiben sie Brüder, weil das Blut es so will. Manch Bande ist unzerstörbar, weil eine Verbindung besteht. Man sorgt sich nicht, dass sie enden könnte. Man trifft sich wieder nach Wochen, Monaten, vielleicht sogar Jahren, und es ist, als wäre diese Zeit nie vergangen. Doch von anderen, den Nicht-Brüdern, entfremdet man sich. Dies sind die kritischen Verbindungen, um die man sich sorgt. Wird es sein wie früher? Oder ist zu viel Zeit vergangen? Ist in der Zwischenzeit zu viel passiert; hat man sich entfremdet? Diese Angst, und sei sie noch so unbegründet, kann dazu führen, dass man den Kontakt vermeidet. Dass man sich erinnert an früher, statt ein neues Morgen, ein auffrischen der Bande zu versuchen.
Dies sind die Gedanken, die meine Isolation prägen. Ich bin alleine und vermeide. Vermeide das Leben, während es verrinnt. Sterben muss jeder irgendwann, warum nicht heute damit anfangen?

Und während ich warte, frage ich mich: Warum holen sie mich nicht hier raus? Warum kommt niemand und reicht mir seine Hand, während ich über dem Abgrund hänge? Weil sie wissen, dass ich es selbst schaffen kann, mich zu retten? Kann ich mich retten? Will ich mich retten? Oder warte ich auf Hilfe, weil ich wissen will, ob Hilfe kommt; ob es jemanden gibt, der glaubt, dass ich es wert bin, gerettet zu werden?

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Utopia ist gefallen Das dreißigste Fressen Im Winterregen stand ich in einem Gebirge aus Eisen und Stein.
Utopia ist gefallen
(Ein Fressen für den Psychiater - Das dreißigste Fressen)

Alles kaputt Im Winterregen stand ich in einem Gebirge aus Eisen und Stein. Ich starrte in die Ferne auf einen Punkt am Horizont, und ich wusste: Dies ist die Zukunft, die mich erwählt hatte. Sie strahlte wie Plutonium statt Sonnenschein und erzeugte eine diffuse, düstere Beklommenheit, so grau und schmutzig wie der Schlamm längst zerfallener Städte.
Und diese Zukunft näherte sich mir, mal offen, mal verdeckt; schlich sich heran wie ein Wolf auf der Jagd, wie ein Hai in der Tiefe hatte sie mich gewittert und wollte mich zermalmen, denn diese Zukunft war keine schöne; es lag kein Glück in ihr, keine Wärme, keine liebende Familie und kein Haus im Grünen; Es war eine Dunkelheit aus schwarzen Wolken voller giftiger Pestilenz, Krieg und Kälte, aus Flucht und Vertreibung, Hunger und Angst; während dunkle Schatten sich über die Seelen der Menschheit legen und sie langsam ersticken.

Einst glaubten wir an Utopia, auf dessen Trümmern ich heute stehe, und der Blick in die Ferne lässt mich frieren.

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Menschenhass Das einunddreißigste Fressen Obgleich ich einer der ihren bin, sind mir die Menschen zuwider.
Menschenhass
(Ein Fressen für den Psychiater - Das einunddreißigste Fressen)

Menschen Obgleich ich einer der ihren bin, sind mir die Menschen zuwider. Grausamkeit und Hinterlist, Ignoranz und Gier sind die Maximen der Menschheit, in die ich hineingeboren wurde, ohne eine Wahl zu haben; doch dies ist wohl das Schicksal eines jeden Geborenen. Ein Leben entsteht, eine Existenz beginnt, doch meistens ist es mehr Fluch als Segen; und man wird gezwungen es zu ertragen, scheint keine Wahl zu haben.
Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, dem Tier ein Monster, der Pflanze ein Schnitter und der Erde ein Virus. Den Mächtigen ist er ein Sklave, den Regierungen ein potenzieller Terrorist, den Religionen ein Schaf und den Bürokratien eine Nummer; dem Täter ein Opfer und dem Opfer ein Täter.
Zwar gibt es auch Menschlichkeit (Ja, "Menschlichkeit". Ein positiv besetztes Wort, welches doch soviel mehr bedeuten könnte) und Mitgefühl, das will ich nicht bestreiten. Doch gibt es nicht genug davon, dass es für alle reichen würde. Nicht jedem Menschen wohnt Menschlichkeit inne.
Edel sei der Mensch, hilfreich und gut; doch das Ideal ist nichts weiter als eine Statue aus vergangenen Zeiten, die an etwas erinnert, das es niemals gab.

Der Mensch ist ein Kleingeist, stets auf den eigenen Vorteil bedacht und erfüllt von Hass auf jene, die ihm fremd sind und etwas nehmen könnten. Der Habenichts widert ihn an und wird getreten, doch vor den Mächtigen buckelt er in der Hoffnung, dass einige Brosamen für ihn abfallen könnten.
Der Mensch will nicht wissen und begreifen, es genügt ihm zu glauben; der Glaube gibt ihm Halt und Hoffnung, ist ihm ein Schild gegen das Unbekannte und ein Schwert gegen das Ungewollte. Der Glaube lässt den Menschen glauben, er sei auf dem Platz, der für ihn vorgesehen ist, und er gibt ihn weiter an seine Kinder, auf dass auch jene zu kleinen Rädchen in der Mensch-Maschine werden, die sich sinnlos um sich selbst dreht und dabei vernichtet, was ihr unter die Panzerketten kommt.

Auch ich bin geboren als Mensch, zum Leben verdammt unter ihnen. Auch in mir ist ein Monster verborgen, doch ich versuche, es gefangen zu halten.
Seinen inneren Dämon nicht zu befreien, sondern Mitgefühl und Menschlichkeit walten zu lassen ist die größte Leistung, zu der ein einzelner Mensch fähig ist.

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Sternenschreie Das zweiunddreißigste Fressen Brennende Gaskugeln in der Schwerelosigkeit, Milliarden Jahre alte Feuer.
Sternenschreie
(Ein Fressen für den Psychiater - Das zweiunddreißigste Fressen)

Brennende Gaskugeln in der Schwerelosigkeit, Milliarden Jahre alte Feuer. Aus der Ferne nur kleine Lichtpunkte am schwarzen Firmament, aus der Nähe glühende Höllenofen. Photonen werden durch Fusionen geboren; winzige Lichteinheiten, Teilchen und Welle zugleich, kämpfen sich ihren Weg durch das Dickicht über Millionen von Jahre bis zur Oberfläche, um dort mit Lichtgeschwindigkeit in der Unendlichkeit zu verschwinden.
Doch Kernfusion ist Sternensterben, und jeder Strahl ein Todesschrei.
Und so schweben sie in der Unendlichkeit: Billiarden sterbender Sonnen; und ihre stillen, hellen Todesschreie erleuchten das Universum.

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Gedankenfragmente Das dreiunddreißigste Fressen Verlorene Tage, erfüllt von dem ticken sterbender Sekunden.
Gedankenfragmente
(Ein Fressen für den Psychiater - Das dreiunddreißigste Fressen)

Zeit Verlorene Tage, erfüllt von dem ticken sterbender Sekunden. Herzen schlagen und pumpen zähflüssiges Blut, doch dieses gerinnt in staubigen Adern. Die Luft steht still, wie eingefroren, und Kälte beißt tief in die Haut. Eiskalt zerfallen meine Gedanken zu scharfen Splittern und rieseln glühend zu Boden, um im Schlamm zischend zu versinken. Suizidales Insektengetier kriecht durch die Ohren in meinen Kopf, um Todesgedanken auszuspeien. Dichter Nebel frisst die Sicht, aber von dem Weg bin ich schon lange abgekommen. Ein blutgetränkter Adler fällt von Himmel, doch sein lautloser Schrei trifft nur auf taube Ohren. Er zerschellt auf den Knochen vergessener Vorfahren und warmes Blut spritzt in meinen Mund und schmeckt nach Rost. Körper ohne Seelen wandern durch die ewige Dunkelheit und halten sich für Lichtgestalten.
Warum kann ich nicht sein, was ich bin? Und was bin ich? Die Menschenmaske wiegt schwer und schneidet ins Fleisch. Ich will mehr sein, aber auch Nichts, denn die Existenz wird überschätzt. Sinnlos ziehen wir durch diese Welt; die einen trampeln, die anderen schleichen. Doch jeder Fußabdruck wird früher oder später zermalmt von den Kräften der Zeit.

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Ein Tag am Meer Das vierunddreißigste Fressen Ein kleines Boot, bei Nacht im Sturm, zum bersten gefüllt mit Menschen.
Ein Tag am Meer
(Ein Fressen für den Psychiater - Das vierunddreißigste Fressen)

Unter Wasser Ein kleines Boot, bei Nacht im Sturm, zum bersten gefüllt mit Menschen. Dürre Leiber eng aneinander geschmiegt; schwache Arme halten kleine Kinder, und Wellen hoch wie Häuser stürzen sich auf sie wie hungrige Raubtiere.
Regen prasselt in durstige Münder und Blitze krachen in Wasserberge, während Schreie ungehört in der Nacht verhallen.
Die letzte Welle trifft das Boot wie ein Gebirge und begräbt es unter sich, während die Menschenmassen ineinander verdreht und verzerrt werden, während Knochen zerbrechen und Körper zerquetschen zwischen Fleisch, Holz und Metall in einem Strudel aus Salzwasser, Tränen und Blut.
Versinken in der Tiefe, während sich Lungen mit Wasser füllen und Schreie verstummen im Dunkel der Nacht.

Am Morgen ist das Meer wieder ruhig, und im strahlenden Sonnenschein treiben unzählige Körper auf der spiegelglatten See.

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Gibs auf Das fünfunddreißigste Fressen Und so kam der Tag, an dem ich keine Kraft mehr fand, es weiterhin zu versuchen.
Gibs auf
(Ein Fressen für den Psychiater - Das fünfunddreißigste Fressen)

Und so kam der Tag, an dem ich keine Kraft mehr fand, es weiterhin zu versuchen. Ich gab auf, ließ alle Hoffnung fahren, ergab mich meinem Schicksal. Endlich fand ich meine Freiheit, das Ende ständiger Enttäuschungen. Natürlich, es war eine bittere Freiheit, und keinesfalls war ich stolz oder glücklich. In einer Welt, in der Erfolg und Selbstverwirklichung die höchsten Ziele des Menschen sind, ist Kapitulation nicht einfach nur eine Niederlage; es ist das eingestehen des eigenen Versagens, der Verlust des Menschseins selbst.

Doch zum Glück trage ich wie alle eine Maske, mit der ich vortäuschen kann, noch immer einer der ihren zu sein. Niemand soll erkennen, dass ich unter dem Menschenkostüm ein Niemand bin.

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Lasst alle Hoffnung fahren Das sechsunddreißigste Fressen Einst glaubte ich an Utopia.
Lasst alle Hoffnung fahren
(Ein Fressen für den Psychiater - Das sechsunddreißigste Fressen)

Einst glaubte ich an Utopia. Die Zukunft wird besser, so hieß es immer. Science-Fiction malte uns schöne Bilder von fortschrittlicher Technik in modernen Gesellschaften. Armut, Hunger und Hass sollten verschwinden.
Wir glaubten an den Traum, doch dann erwachten wir, und draußen war es noch immer dunkel. Niemand hatte mehr Hoffnung auf eine bessere Zukunft und alle Utopien waren vergessen.
Die Gier hatte übernommen und Hass gesät. Und als wir die verdorbene Ernte einfuhren, war es zu spät. Alle Wege führen nach Dystopia.

Manche träumen noch immer, und ich beneide sie. Vielleicht sollte ich mich wieder schlafen legen.

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Innere Leere Das siebenunddreißigste Fressen Ich schwebe durch Raum und Zeit,
Innere Leere
(Ein Fressen für den Psychiater - Das siebenunddreißigste Fressen)

Ich schwebe durch Raum und Zeit, entlang dem Zeitstrang, der mein Leben sein soll. Unzählige Sinneseindrücke strömen auf mich ein, malträtieren mich wie Nadelstiche, doch nichts dringt durch die Mauer, die ich erbaute, als ich erkannte, dass Sinnlosigkeit das Fundament meiner Existenz ist.
Die Mauer meines Verstandes ist im Laufe der Zeit stärker geworden als Diamant und versiegelte mich in mir selbst, wo nur eine unendliche Leere die Weiten meines Verstandes füllt, durchzogen von Anti-Gedanken, existenzlosen Gefühlen und negativen Fäden vollkommener Antriebslosigkeit.
Und so ruhe ich in mir selbst, treibe ich durch die unendliche Leere innerhalb der Mauern meines Verstandes, isoliert von allen äußeren Einflüssen und inneren Gedankenregungen, abgekapselt von Raum und Zeit konzentriert zu einem winzigen Punkt reiner Existenz, der eines fernen Tages sinnlos verglühen wird.

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fragment 4

In einem Wald aus Dornen und Stacheln finde ich einen schwarzen Baum, entsprungen vor Äonen einem Samen der Verderbnis, dessen Harz süß aus seinen Wunden tropft, die Rinde hinunterfliesst und auf dem Boden einen klebenden See bildet, der insektoiden Kreaturen zur Todesfalle wurde; doch auch auf mich übte das Harz einen Sog aus, zog mich in seinen Malstrom und lies mich kosten von dem Blut der morschen Fäulnis, das durch meine Adern spült und in meinen Kopf zieht, wo es meine Welt verändert; Lichter und Farben fallen mich an, heben mich hinfort und lassen mich schweben zwischen den Dingen; in einem Stück Leder sammle ich das Harz, soviel ich darin einwickeln kann; nehme es mit auf meine Reise durch den Wald und in die Wüste, wo es nichts gibt außer Sand und mir und den Dingen, die aus meinem Kopf kriechen und sich im Sand vergraben;


fragment 6

Manchmal bin ich erfüllt von eine tiefen Leere. Ein unendliches Schwarz, welches sich in meinem Inneren ausbreitet und alle Gefühle und Wünsche verschluckt. Zurück bleibt das Bewusstsein einer reinen Existenz ohne Sinn und Hoffnung und ein Geschmack von Traurigkeit verbreitet sich an den Rändern des Nichts.


fragment 7

Dunkelheit und Einsamkeit
eine schwarze, tiefe Leere
erfüllen mich im innersten
fühle nichts, nicht einmal Leid

Zwischen grauen, monotonen
Blöcken aus entgang'ner Freud
wandere ich, ganz ohne Ziel
durch Wüsten, wo nur Triebe wohnen

Was ich suche, ist das Ende
ein Ausweg aus dem Nichts der Leere
doch finde ich nur eine Mauer
zerschlage an ihr meine Hände