Robotic Greetings

Runkensteins Wortkatakomben

Texte aus den tieferen Gefilden des Verstandes
lustig - absurd - düster - kafkaesk - surreal - grotesk


Headhunter


Die Sonne ging langsam am Horizont unter, während Kaldan seinen Blick über die gewaltige Stadt schweifen lies. Das Trümmerfeld im Westen erschien im langsam vergehenden Licht wie ein bizarrer Wald aus Wänden, Backsteinhügeln und vertrockneten Bäumen ähnelnden, verbogenen Stahlträgern. Vom Osten bis weit in den Norden reichte das riesige, halb zerfallene Ghetto, Heimat der Armen, der Kriminellen und des Widerstandes. Dort herrschte Terror und Gewalt, die Mordrate lag weit über den Raten der wesentlich größeren Städte wie Groß-Berlin, Mega Angeles oder Neo-Tokio. An den schwer bewachten Grenzen dieses riesigen Molochs zu dem im Süden gelegenen Mittel- und Oberklassesektor gab es regelmäßig Aufstände der Ghettobewohner und schwere Angriffe von Rebellen oder Banden.
Im Zentrum dieser Megametropole, über den Trümmern der ursprünglichen Stadt und an einem strategisch wichtigen Punkt der Grenze zwischen Arm und Reich, zwischen Wohlstand und Terror, stand der riesige "Tower of Freedom and Justice", der TFJ, das unübersehbare Machtsymbol des Regimes. Zwei Kilometer hoch, einen halben Kilometer Durchmesser, meterdick gepanzert und schwer bewaffnet, verteidigt von Elitesoldaten und schweren Geschützen bis zu Hubschrauber- und Kampfjägerstaffeln. "Rüstung 1", wie diese Stadt wegen ihrer riesigen Rüstungsfabriken hieß, war der wichtigste und größte Produktionsstandort für mittlere und schwere Waffensysteme und damit die militärisch wichtigste Stadt des Reiches. Das Geld floss reichlich, um Fabriken und Arbeiter vor Übergriffen aus den freien Zonen zu schützen, welche den Machthabern schon lange ein Dorn im Auge waren, sich aber bisher als uneinnehmbar erwiesen hatten.
Kaldan sah sich durch ein Fernglas das Ghetto genauer an, aber heute waren keine Rebellen oder Plünderer zu sehen. Die Regimetruppen verließen gerade das Ghetto, denn nach Sonnenuntergang war es dort zu gefährlich für alle, die für das Regime arbeiten oder unter seinem Schutz stehen. Nur eine Sorte von Soldat wagte sich bei Nacht in das Ghetto: Die Headhunter, zu denen Kaldan ebenfalls gehörte.
Sie waren freie Mitarbeiter des Militärregimes und töteten Kriminelle, Oppositionelle, Rebellen und Bandenmitglieder für Kopfgeld. Sie waren die Endlösung der Ghettofrage. In der Nacht zogen sie in kleinen Gruppen oder allein durch das Ghetto, schossen von Dächern und aus Ruinen oder taten sich zusammen, um Wohnungen oder Häuser zu stürmen. Kaldan war Präzisionsschütze, hatte eine Scharfschützenausbildung in der Armee gemacht und war nun ein freier Headhunter mit einem eigenen Sniper-7, dem besten Präzisionsgewehr, das man auf dem freien Markt bekommen konnte. Er war ein Profi an dieser Waffe und der beste Schütze des Planeten mit der höchsten Abschussquote des europäischen Kontinents. Von Regimes, Diktatoren und Staaten der ganzen Welt bekam Kaldan Jobangebote, doch bisher hätte es sich für keines gelohnt, das großeuropäische Reich zu verlassen.

Kaldan schulterte sein Gewehr, ging von der Aussichtsplattform zurück in den Fahrstuhl und fuhr bis in das fünfte Sublevel, wo sein Hintermann Lukin wartete.
Lukin sicherte ihn gegen andere Heckenschützen und Todesschwadronen ab und war auch sonst für die grobe Arbeit zuständig. Ein M-250-Maschinengewehr, Granaten und Raketen machten sie zu gefährlichen Gegnern, ständige Verfügbarkeit von Hubschrauberunterstützung gehörte zu den Serviceleistungen des Regimes und machte sie unangreifbar für größere Rebellenverbände oder andere Angreifer.
Von Lukin bekam er die aktuellen Truppensichtungen und die neu in die Datenbank eingegebenen Zielpersonen. Er sah blätterte die sieben Fotos durch und erkannte ein Gesicht wieder: Ein Headhunter, mit dem er einmal einige Aufträge in Asien erledigt hatte und der jetzt wieder nach Rüstung 1 zurückgekehrt war. Dieser hatte Kaldan mal erzählt, das er einen Bunker im gesicherten Gebiet habe. Aber wenn das Militär ihn suchte, könnte er sich vielleicht auch im Ghetto verschanzt haben.

Durch einen Gang aus dem TFJ gelangten  Kaldan und Lukin in einen alten Abwasserkanal, über den sie tief in das Ghetto gelangten. Nach einem Fußmarsch von einer halben Stunde kamen sie durch ein fast völlig zerstörtes altes Wasserwerk an die Oberfläche und von dort auf das Dach eines Hochhauses, von wo sie sich einen ersten Überblick verschafften. Lukin sicherte das Dach, während Kaldan mit seinem Gewehr auf einen Schornstein kletterte und dort das riesige Zielfernrohr einschaltete. Er nahm das Gewehr wie eine Panzerfaust auf die Schulter und aktivierte das Standard-Suchprogramm. Ein 360º-Schwenker, der das gesamte Suchgebiet umfasste, reichte, um sämtliche Daten zu sammeln. Das Analysemodul zeigte drei weitere Headhunter, zwei Scharfschützen der Rebellen, drei Straßenkämpfe und 65 Passanten, was jede Menge potentieller Gefahren, aber auch potentieller Schussprämien bedeutete.
Zuerst würde sich Kaldan aber um die Scharfschützen kümmern, auch wenn sie ihm nicht wirlich gefährlich werden konnten. Die Scharfschützen der Rebellen hatten meist uralte G-3s mit schlechten Zielfernrohren und ihre Erfahrung aus afrikanischen Lehrvideos oder mit viel Glück von alten Soldaten, die aber nicht mit den neuen Taktiken und Waffen vertraut waren. Kaldan nahm den ersten Schützen ins Visier, dieser lag im dritten Stockwerk eines teilweise zerstörten Hauses auf der Lauer. Wie vermutet hatte er eine sehr alte Waffe und war schlecht getarnt. Ein Scharfschütze, der sich noch nicht mal gegen Wärmesucher abschirmte, hatte in dieser Stadt sowieso keine hohe Lebenserwartung. Kaldan mass eine für ihn problemlose Entfernung von 1.385 Meter, denn die elektronische Laufkorrektur und die Lenkpatronen seiner Waffe waren von absolute Spitzenqualität. Er war der einzige Headhunter der Welt, der sein Ziel noch auf fünf Kilometer bei Regen und sieben Kilometer bei Nacht traf, bei guter Sicht erwische er noch auf zehn Kilometer einen Menschen und auf fünfzehn Kilometer ein größeres Ziel.
Er betätigte den Abzug, kurz darauf wurde der Rebell in den Kopf getroffen. Einen kurzen Moment wartete Kaldan noch, ob vielleicht ein Hintermann seine Deckung verlassen würde, aber nichts passierte. Auch in der Gesamtansicht des Hauses war keine Bewegung zu registrieren.

Der zweite Scharfschütze war nur einen Kilometer entfernt. Er stand hinter dem Fenster eines ersten Stockwerkes und beobachtete die Straße unter sich. Er hatte einen Kopfhörer auf, der zu einem mp4-Player führte. Auch er konnte kein Profi sein, denn Musik war eine zu große Ablenkung. Kaldan sah auf die Mundbewegungen und musste lächeln, weil er das Lied erkannte: Es war "Headhunter" von Front 242. Der Scharfschütze sang gerade den Chorus, den auch jeder Headhunter kannte: "One - You lock the target, Two - You bait the line, Three - You slowly spread the net and four - You catch the man". Für die Headhunter auf den Straßen mochte das gelten, aber bei den Scharfschützen hieß es einfach "find the target, kill the man".

Anvisieren des Kopfes, Schuss, Tod. Das Gewehr war mit dem Headhunter-Zentralrecher im neutralen Island verbunden. 5.000 Eurodollar wurden ihm auf einem Isländer Konto gutgeschrieben, denn der Tote wurde über ein Standbild der Gewehrkamera als Torak Killem, Mitglied des Killem-Clans identifiziert. Der Killem-Clan wohnte im Norden in einem Trümmergebiet des Ghettos. Die Killem's waren Kannibalen und kamen auf ihren Jagdzügen oft tief in den Süden bis in Sichtweite des TFJ. Das Militär zahlte 5.000 ED für jeden toten Killem, da ihnen schon mehrere Hundert Soldaten zum Opfer gefallen waren.
5.000 ED waren im Ghetto viel Geld. Im Süden reichte es gerade so, aber Kaldan machte genügend Beute, um auch dort gut leben zu können. Da er aber meist im Ghetto unterwegs war und ihm hinter der Grenze eine kleine Wohnung reichte, wuchs sein Kontostand ins Unermessliche. Das Geld investierte er in seine Ausrüstung und Informanten, mit einem weiteren Teil unterstützte er einige befreundete Guerillas in der Antarktis, Rebellen in Neu-Atlantis sowie einen Todesschwadron in dem gigantischen Moloch New York.

Lukin hatte einen Enterhaken zu einem benachbarten Gebäude geworfen, also kletterten sie weit über dem Boden über die Straßenschlucht und von dort über einige weitere Dächer auf eine Kirche. Der große Kirchturm in diesem Bezirk war über 1.000 Jahre alt, sehr massiv gebaut und als Versteckt für Scharfschützen bekannt, seit seiner ständigen Bewachung durch Milizen galt er aber nicht mehr als Gefahr. Kaldan war Spezialist darin, sich an solchen Orten zu tarnen. Seit zwei Jahren schon stieg er schon hier hoch, aber nie hatte ihn jemand entdeckt, und nie konnte Lukin den Turm nicht sichern.
Nun saß er hier oben und scannte alle Gesichter in nördlicher Richtung. Über 100 Menschen waren auf dem Kirchplatz und in den Straßen verteilt, dennoch benötigte der Analysechip nur wenige Sekunden für den Vergleich mit der Datenbank. Für fünfzehn Personen lagen Abschussgenehmigungen vor und Kaldan schätze, das er zwei bis fünf erwischen könnte.

Der Erste war ein Rebellenposten auf einem Dach. Für einfache Rebellen gab es 500 ED. Das war zwar nicht die Welt, aber immerhin das zehnfache des Wertes der abgeschossenen Patrone. Besonders bei Posten auf dem Dach war das Risiko gering, ihr Verschwinden wurde meist nicht bemerkt. Kaldan visierte ihn an und schoss in den Kopf. Der Posten fiel nach hinten weg und würde wohl einige Zeit dort liegen, bis ihn jemand entdeckte. "I'm looking for this man to sell him to other men." Die 500 ED wurden ihm gutgeschrieben und er nahm das nächste Opfer ins Visier, ein Gangmitglied namens Kill-R. Er war ein Mitglied der Wasps, welche den gesamten Drogen- und Waffenhandel in diesem Sektor kontrollierten. Für Wasps gab es 1.000 ED, aber für Kill-R das doppelte, weil er Militärs getötet hatte. Kill-R ging in ein Haus und erschien kurz darauf an einem Fenster, wo er mit einem anderen Mitglied der Wasps redete. Kaldan zögerte nicht lange und schoss durch das Fenster im Abstand von einer Sekunde beiden in die Köpfe. "I'm looking for this man to make us rich and famous." Vor dem Haus hatte niemand etwas bemerkt und auch in der Wohnung schien sonst niemand zu sein.
Der Nächste war ein Oppositioneller des Regimes, der vor einigen Jahren im Ghetto untergetaucht war. Mit seinem Tod tat Kaldan ihm sogar einen Gefallen, denn die Militärs hätten ihn mit Sicherheit gefoltert und hingerichtet. Der Mann stand in einer Seitengasse im Schatten und schien auf jemanden zu warten. Kaldan zielte und traf ihn in die Brust, der Körper fiel zu Boden und würde für einige Zeit unentdeckt bleiben.
Er kassierte 3.000 ED und nahm das höchste Kopfgeld seines Blickfeldes ins Visier, wo gerade der siebenfache Mörder Chris Manson ohne jede Deckung über den Platz lief. Er schien auf einem Trip zu sein, denn er zog ein Messer und schlitze sich damit die Arme auf. Als er jedoch plötzlich eine Pistole in der Hand hatte und wild durch die Gegend schoss, erledigte ihn Kaldan mit einem Schuss durch den Hals. Manson griff sich an die klaffende Wunde und fiel zu Boden, während sich eine Blutlache um ihn herum ausbreitete. Alle Beobachter dieser Szene hielten Ausschau nach einem Heckenschützen, also wurde es Zeit für einen Stellungswechsel.

Von der Kirche gelangten Kaldan und Lukin über die Abwasserrohre zu einem Hochhaus, das einige hundert Meter entfernt war. Vom Dach aus hatte Kaldan eine gute Aussicht und außerdem sieben Ziele zur Auswahl. Als erstes wählte er einen schlecht getarnten Scharfschützen im Fenster einer alten Schule, 1.200 Meter entfernt. Es war der Headhunter Thor Riken, der inzwischen für die Rebellen auf Jagd ging und auf den deshalb seit heute ein hohes Kopfgeld ausgesetzt war. Kaldan kannte Thor und wusste, das dieser ihn ebenso töten würde, doch heute würde Thor sterben. Kaldan nahm ihn ins Visier und setzte das Fadenkreuz auf dessen Stirn.
"And four - You catch the man". Er drückte ab und ein Standard-Urangeschoss schmetterte kurz darauf in Thors Kopf, 20.000 Eurodollar waren der Standardpreis für Headhunter im Auftrag der Rebellen. Tarnung war immer Thors Schwäche gewesen, manchmal rauchte er sogar in seiner Stellung. Kaldan wurde klar, was los sein würde, wenn er wieder im Headhuntersektor des TFJ auftauchen würde. Einen Headhunter auf der anderen Seite zu töten galt als eine beachtliche Leistung, also würde ihn morgen der Sektionskommisar von Rüstung 1 holen lassen und ihm eine Auszeichnung für besondere Leistungen überreichen, von denen er schon so viele hatte.

Er konzentrierte sich von neuem auf sein Sichtfeld, als plötzlich mehrere Explosionen aufblitzen und die Stille der Nacht durchbrachen. Schon kurz darauf traf die Meldung ein, dass die Rebellen eine Offensive gestartet und den TFJ und die riesigen Militärlager um ihn herum unter Beschuss genommen hatten. Kaldan richtete sich auf, denn dieses Schauspiel wollte er nicht versäumen. Der Tower of Freedom and Justice ragte majestätisch in den Nachthimmel, der von Explosionen, Bränden und dem Halbmond erhellt wurde. Er wurde von vielen hundert Granaten getroffen, aber seine Panzerung war zu massiv, um nachzugeben. Als der Rebellenbeschuss nachliess, holte die TFJ-Abwehr zum Gegenschlag aus und aktivierte die zweihundert schweren Plasmakanonen. Die zwanzig Meter großen Türme fuhren aus ihren Bunkern auf der gesamten Oberfläche des TFJ heraus, welcher nun wie ein riesiger Kaktus aussah. Die Plasmakanonen begannen sofort zu feuern und legen mehrere Quadratkilometer in Schutt und Asche, neben den Rebellen und ihren Geschützen auch viele Notunterkünfte. Die Kanonen fuhren in das TFJ zurück und mehrere Bomberstaffeln überflogen das Gebiet, um mit Napalm und Phosphor die Überlebenden zwischen den Trümmern und in den zerstörten Häusern wegzubrennen.

Nach diesem beeindruckenden Erlebnis konzentrierte sich Kaldan wieder auf den Sektor in seinem Blickfeld, wo er jetzt ein neues Objekt registrierte. Für einen Moment glaubte er, seinen Augen nicht trauen zu können, als das Analysemodul einen Todesengel meldete. Er sah sich die Gestalt, welche die Straße entlang lief, genauer an, der Computer sollte Recht behalten.
Obwohl die Todesengel ebenfalls Headhunter waren, standen sie außerhalb der normalen Headhunterhierachie. Die Normalen jagten und töteten einzelne Menschen oder Gruppen, die einen als Scharfschützen, die anderen in kleinen Kampftruppen. Doch die Todesengel waren Einzelkämpfer, welche in der Größenordnung von Naturkatastrophen oder Blitzkriegen ihr Handwerk verrichteten. Sie waren sehr schwer gepanzert, gentechnisch optimiert und schwerer bewaffnet als jedes andere Lebewesen der Erde, welches auf zwei oder vier Beinen lief. Die meisten Menschen dachten, das die Todesengel Elitesoldaten waren, aber das stimmte nur teilweise. Kaldan hatte vor vielen Jahren selbst einmal versucht, ein Todesengel zu werden, doch er scheiterte an der psychologischen Untersuchung. In den folgenden Monaten forschte er nach und fand heraus, warum er ungeeignet war: Psychisch zu gesund. Er kam hinter das Geheimnis der Todesengel, welches selbst viele Headhunter nicht kannten: Todesengel wurden nicht aus Eliteeinheiten angeworben, sondern aus psychatrischen Hochsicherheitsanstalten des Militärs. Todesengel waren allesamt Psychopathen der schlimmsten Sorte, absolut kranke Individuen. Als Elitesoldaten hatten sie hinter den feindlichen Linien geheime Missionen durchgeführt und durch psychotronische Waffen ihren Verstand verloren. Zurück in der Heimat wurden sie umprogrammiert, gepanzert, bewaffnet und den Headhuntern überstellt, welche sie in ihre Einsatzgebiete schickten.

Inzwischen hatte Kaldan auch die Daten über den Todesengel aus der Datenbank erhalten, die wie üblich aber sehr dürftig waren: Es war Azrael. Jeder kannte den Todesengel Azrael, der im Alleingang den Aufstand der hungernden Ghettobevölkerung von Nahrung 5 niedergeschlagen hatte. Nur eine Stunde hatte er benötigt, um 700 Rebellen und über 3.000 weitere Aufständische zu töten. Die Munition ging ihm nach kurzer Zeit aus, aber mit zwei Schwertern mähte er die Menschen nieder wie der Sensenmann persönlich. Zuletzt war Azrael in Stahl 12 im Bundesstaat Skandinavien stationiert, deshalb hatte Kaldan keine Erklärung für dessen plötzliches Auftauchen in Rüstung 1. Azrael war eine beeindruckende Erscheinung: 2,20 Meter groß und 150 Kilogramm schwer; eine waffenstarrende, schwergepanzerte Festung auf zwei Beinen.
Azrael blieb stehen und sah in die Ferne, gleichzeitig meldete Kaldans Gewehr ein heranfahrendes Fahrzeug. Er hatte es sofort Blickfeld, es handelte sich um einen offenen Geländewagen mit drei bewaffneten Rebellen. Azrael aktivierte seine Waffen, aber Kaldans Reflex war schneller, für drei sich bewegende Ziele auf kurze Entfernung benötigte er nur sieben Sekunden. Als der Wagen sich überschlug, wurde ihm jedoch schnell klar, das dies möglicherweise ein Fehler war. Azrael hatte ihn bemerkt und starrte zu ihm herauf. Das erste mal seit Monaten spürte Kaldan wieder Angst, er wusste nicht, wie Todesengel reagieren, wenn man ihnen ihre Opfer vor der Nase wegschoss. Glücklicherweise hatten Todesengel keinen Zugriff auf die Headhunter-Datenbank mehr, nachdem einige Headhunter sich mit ihnen angelegt und dafür mit ihren Leben bezahlt hatten. Azrael schien jedoch ruhig zu bleiben und ging die Straße weiter, bis er nach einigen hundert Metern aus dem Sichtfeld war. Jetzt kam ein Standortwechsel ganz gelegen.

In den U-Bahnschächten kam man schnell voran, wenn man sich auskannte. Risiko war aber immer dabei. Die Freaks im Untergrund konnte man als Headhunter zwar leicht beseitigen, aber es kostete wertvolle Zeit. Also nahmen die beiden Headhunter einige Umwege und kamen schließlich unter einem Hochhaus hervor, welches in einem großen, vom TFJ nicht einsehbaren Tal stand. Kaldan entdeckte in zwei Kilometer Entfernung ein Rebellencamp und suchte die Posten. Er brauchte etwa eine Minute, um die drei Posten zu erledigen, kurz darauf meldete sich Lukin über Funk. Zwei Killems stiegen gerade die Treppe hinauf, vermutlich suchten sie nach Scharfschützen. Lukin war Profi, er hatte sich bereits an der perfekten Stelle aufgestellt und war getarnt und feuerbereit, falls Kaldan versagen sollte. Er als Scharfschütze hatte das Vorrecht darauf, Eindringlinge in seiner Stellung zu töten, und Kaldan bestand auf dieses Vorrecht. Er schaltete das Gewehr von Distanz auf Nahkampf um, woraufhin die Schulterstütze zurückgezogen und die Munition gewechselt wurde. Er ging in das Treppenhaus und sah vorsichtig über das Geländer: Drei Stockwerke unter ihm waren tatsächlich zwei Killems, welche die Treppen hinaufstiegen. Sie hatten selbstgemachte Kleidung aus Menschenhaut an, waren zum Großteil mit Blut bedeckt und mit Maschinengewehren und Schlachtermessern bewaffnet. Als sie den letzten Treppenabsatz hinaufkamen, feuerte Kaldan mehrere gezielte Schüsse ab, welche die Killems gegen die Wand schleuderten; sie waren sofort tot.
Lukin kam aus seinem Versteck hervor und sagte: "Genau deshalb bin ich kein Scharfschütze geworden: Zu kühl und präzise. Ein geborener Killer nimmt dafür eine alte AK-47 und eine Handgranate." Kaldan erwiderte nichts.

Kaldan und Lukin gingen durch die Straßenschluchten eines Ruinenviertels in Richtung Nordwest in eine noch bewohnte Vorstadt, die aber inzwischen mit Rüstung 1 verwachsen war. Einige Feuer brannten in den Häusern und auch Menschen waren um diese Zeit noch anzutreffen. Eine Gruppe Jugendliche saßen am Straßenrand und injizierten sich Neurotrips in die Sehnerven. Es konnten keine guten Trips sein, denn als sie die Headhunter erblickten, brach Panik aus. Einer stürmte schreiend mit einem erhobenen Messer auf Kaldan zu, doch Lukin zerschmetterte ihm mit einem Dum-Dum-Geschoss den Schädel. Die anderen rannten weg, aber einer zögerte. Dann zog auch er ein Messer, schlitze sich damit aber selbst die Kehle auf.
Kaldan und Lukin gingen weiter und trafen mehrere Blocks lang niemanden. Dann bog vor ihnen ein Auto um die Ecke. Es kam näher und wurde etwas langsamer, nun konnte man es als eine Streife der Rebellen erkennen. Die Headhunter und die Rebellen sahen sich einen Moment direkt in die Augen, dann raste der Wagen davon. Rebellen legten sich nie mit Headhuntern an, wenn es nicht nötig war, denn Zusammentreffen in der Vergangenheit endeten immer mit getöteten Rebellentrupps und hingerichteten Untergrundkämpfern.
Auf der restlichen Strecke trafen Kaldan und Lukin nur einzelne Menschen oder kleine Gruppen. Diese wechselten fast immer die Straßenseite, wenn sie sahen, wer ihnen entgegen kam, selbst bewaffnete Jugendgangs gingen ihnen aus dem Weg. Vor den Panzeranzügen, Lukins Granaten, Raketen und M-250 und Kaldans Sniper-7 hatte jeder Respekt.

Am Rande des nur wenig zerstörten Wohnviertels stiegen sie wieder in einen Kanal. Eine Viertelstunde und zwölf tote Freaks später gelangten die Headhunter zu einem hohen, unbewohnten Haus auf einer Anhöhe, welches einen guten Blick über die darunter liegenden Straßen, Häuser und Plätze bot. Lukin durchsuchte das Haus, während Kaldan auf dem Dach in Stellung ging. Der Scan ergab einige Rebellen auf dem Dach einer alten Fabrik und dem mit hohem Stacheldrahtzaun umgebenen Gelände. Kaldan nahm zuerst die zwei Rebellen auf dem Dach ins Visier und erledigte sie mit zwei sauberen Kopfschüssen.
Dann sah er sich das Gelände genauer an und suchte Ziele, deren Tod nicht sofort bemerkt werden würde. Gerade hatte er einen Posten gefunden, der sich hinter einem Reifenstapel einen Joint anzündete, als eine Warnmeldung aufblinkte. Kaldan änderte sofort das Sichtfeld und wurde auf eine bewaffnete Person hingewiesen, die am Fenster eines ausgebrannten Hauses in direkter Nähe der Fabrik aufgetaucht war, aber sofort wieder verschwand. Er wollte den Datenspeicher aufrufen, um ein Standbild zur Identifizierung zu bekommen, aber das war unnötig, da sich jetzt im Erdgeschoss des Hauses eine Tür öffnete, jemand herauskam und in seine Richtung blickte. Er holte das Bild näher und kannte den Namen des Todesengels im selben Moment wie das Analysemodul seiner Waffe: Samael, der Schlächter von Wohnraum 17.
Er hatte dort ein Dutzend Wohnblöcke mit mehreren Tonnen C-4 gesprengt, die von über 200.000 Menschen bewohnt waren. Nach der Detonation streifte er noch sechs Stunden lang durch das Trümmerfeld und beseitigte die Überlebenden mit Raketen, Napalm und Giftgas. Der Grund: Das Militär hatte in einem der Häuser ein Rebellenversteck vermutet.
Samael blickte zu Kaldan hoch und dieser vermutete, dass er schon wieder einem Todesengel die Beute weggeschossen hatte. Dann rief Samael etwas in Richtung der offenen Tür, kurz darauf kam Azrael raus. Das konnte nicht Gutes bedeuten: Einen Todesengel zu sehen war ein schlechtes Omen, aber zwei kamen einer Katastrophe nahe. Besonders, wenn man beide in der selben Nacht bei der Arbeit gestört hatte.
Azrael blickte kurz zu Kaldan und ging zur Seite. Eine riesige Gestalt erschien und musste sich bücken, um durch die nur 2,30 Meter hohe Tür zu kommen. Kaldan wusste sofort, wer es war: Luzifer, der erste Todesengel. 2,50 Meter groß und mit über 100 Kilogramm Stahl, Titan und Kevlar gepanzert. Seine zwei mit der Rüstung und den Armen verbundenen Gewehre waren beeindruckende Spezialanfertigungen einer großisraelischen Waffenschmiede und für Massaker ausgelegt: Hochleistungs-Maschinengewehre, Flammenwerfer, Laserschneider, Stahlpfeile, kleine Raketen, Plasmabeschleuniger und mehrere Messer und Sägen für den Nahkampf. Er hatte über hundert Massaker auf der ganzen Welt unter allen Bedingungen durchgeführt und war für erwiesenermaßen über zehn Millionen Tote verantwortlich. Wenn Luzifer mit zwei anderen Todesengeln zusammenarbeitete, konnte das wirklich nichts Gutes bedeuten.
Luzifer sah nun zu Kaldan, stellte über Funk eine Datenverbindung zu dessen Gewehr her und ging von dort in die Headhunter-Datenbank, um zielsicher Kaldans Akte zu öffnen. Bis Kaldan wusste, wie er reagieren sollte, war Luzifer bereits fertig. Während Luzifer die Daten sichtete, machte sich Kaldan eine Notiz: Er durfte nicht vergessen, den Datenbank-Administrator der Headhunterkoordinierung zu erschiessen und dessen Nachfolger darüber zu informieren, das Luzifer durch die Datenbank wandern konnte.

Plötzlich quietschte etwas in Kaldans Kopfhörer auf, das ihn hochschrecken ließ. Luzifer stellte eine Funkverbindung her, was, wie der Datenbankzugriff zuvor, bisher keinem Todesengel gelungen war. Dann hörte Kaldan zum ersten mal die Stimme Luzifers, was bisher nur die wenigsten Menschen überlebt hatten: "Du bist also Kaldan, der Scharfschütze. Ich habe von dir gehört als Kaldan der Jäger." Der Jäger. So nannte man ihn in der Anarcho-Sowjetischen Union und in den freien Enklaven der sibirischen Wälder. Im Auftrag des Großsowjets hatte er vor längerer Zeit Spione und Attentäter der konterrevolutionären weißen Truppen aufgespürt und erlegt. "Das Schicksal muss auf unserer Seite sein, wenn es uns heute Abend den besten Scharfschützen dieses verdammten Planeten zur Seite stellt." Kaldan wusste nicht, wovon Luzifer sprach, aber ihm war klar, dass er gerade einen Auftrag erhalten hatte, den er niemals ablehnen könnte. Bei dem geringsten Widerwort würde er dieses Dach nicht lebend verlassen, denn niemand handelte gegen Luzifer Willen. "Wir werden jetzt in den Rebellenstützpunkt gehen und etwas holen. Bis wir fertig sind, wirst du uns von dort oben den Rücken freihalten. Danach werden wir nach Norden fliegen und dir deinen neuen Auftrag erklären."

Luzifer brach den Kontakt ab und aktivierte seine Waffensysteme. Die Gewehre luden durch, die Energiewaffen wurden aufgeladen und die Klingen gingen in Kampfstellung. Samael legte einen Munitionsgürtel in seinen Raketenwerfer und Azrael steckte eines seiner Schwerter als Bajonett auf seinen Plasmabeschleuniger. Dann traten aus der Tür Luzifers biomechanische  Höllenhunde, die zwei kybernetischen Kampfroboter Phobos und Deimos. Sie bewegten sich auf vier Beinen und hatten eine Schulterhöhe von einem halben Meter. Mit Feuerwaffen, Messern, Nervengas und Reißzähnen waren sie eine perfekte Waffe gegen Infanterie, in größeren Herden hatten sie auch in Afrika und Asien beim Umlenken von Flüchtlingsströmen ihre Qualitäten bewiesen.
Luzifer und sein Gefolge verließen ihre Deckung und marschierten direkt auf das Tor des Fabrikgeländes zu. Die Posten auf den Türmen sahen sie und konnten gerade noch Alarm geben, bevor jeder von ihnen eine von Kaldans Kugeln in den Kopf bekam. Samael schoss mehrere Raketen ab und zertrümmerte das schwere Stahltor. Kurz darauf öffneten sich einige Tore der Fabrik und mehrere Dutzend Soldaten mit MGs stürmten heraus, um die Headhunter aufzuhalten. Sie hatten keine Chance.
Samael feuerte Raketen, Azrael schoss Plasmaladungen ab und stürmte mit seinem Schwertbajonett voran zu den Rebellen, um sie aufzuschlitzen. Luzifer entfesselte einen Sturm aus Highspeedgeschossen, glühenden Stahlpfeilen, Plasmaladungen und einer Feuerwand und ließ seinen Opfern keine Überlebenschance. Phobos und Deimos zerfetzten die Angreifer und Kaldan erledigte die Rebellen in den Fenstern und auf dem Dach. Nach nicht mal einer halben Minute war alles vorbei, zwischen fünfzig und achtzig Leichen lagen auf dem Geländer verstreut.
Luzifer und Azrael gingen in das Gebäude, Samael blieb draußen und und holte einige Aufklärungssonden der Rebellen vom dunklen Nachthimmel. Kaldan beobachtete das gesamte Gebiet, bis Lukin hinter ihm stand. "Was ist da unten los? Plündern die Hell's Angels wieder einen Rebellenstützpunkt?" Kaldan grinste. "Nein, dieses Mal ist es der Leibhaftige in Person. Und er hat uns auserwählt, eine Schlacht mit ihm zu schlagen."

Eine Viertelstunde später waren die fünf Headhunter in einem Hubschrauber auf dem Weg in Richtung Norden. Samael steuerte die schwere Maschine, Azrael war mit Kaldan und Lukin im Laderaum untergebracht und Luzifer saß in einer Außenkanzel des Hubschraubers mit einer schweren FLAK und zwei Dutzend Luft-Boden-Raketen. Luzifer liebte es, mit radioaktiven Leuchtspurgeschossen und panzerbrechenden Raketen auf Flugabwehr, Panzer, Autos, Häuser und Menschen zu schiessen, nur so zum Spaß.
Auch Azrael hatte schon von Kaldan gehört, aber bis jetzt gedacht, dass dieser in Energie 1 in der gesperrten Zone um die Zwei-Gigawatt-Atommeilerfarm herum Ökoterroristen abschoss. Das hatte Kaldan auch eine Weile getan, aber an die wöchentlichen Störfälle hatte er sich auch nach einem halben Jahr nicht gewöhnt. Also kam er in die Rebellenhochburg Rüstung 1, wo ein guter Headhunter sich ein dickes finanzielles Polster anlegen konnte. Kaldan kam aber nicht nur wegen des Geldes, sondern auch wegen der guten Arbeitsbedingungen: Musste er in anderen Städten manchmal mehrere Stunden warten, bis ein lohnendes Ziel auftauchte, hatte er in Rüstung 1 meist gleich mehrere zur Auswahl. Anderswo schaffte er zwei bis fünf Abschüsse in einer Nacht, hier waren es zehn bis vierzig, in guten Nächten bis zu siebzig Tote.
Azrael nutze die Gelegenheit, um Kaldan und Lukin über ihre Mission aufzuklären: Sie waren auf dem Weg zu einer Basis nördlich der Stadt. Die beiden hatten nie von einer Basis im Norden gehört. Nördlich von Rüstung 1 lag eigentlich ein Sperrgebiet; ein Unfall in einer Chemiewaffenfabrik hatte die Gegend vor langer Zeit völlig verseucht.
"Nur die Wenigsten wissen, dass ein großer Teil von Sperrzone 242 nie verseucht war", erzählte Azrael weiter. "Die Militärführung hat damals die Gelegenheit genutzt, um eine geheime Anlage zu errichten. Sie ist inzwischen der größte militärische Forschungskomplex des europäischen Reiches. Nuklearforschung, Biolabore, Nanowaffenentwicklung und Hochleistungsrechner, die haben einfach alles." Kaldan ahnte etwas: "Und wie lautet unser Auftrag?" "Unser Auftrag lautet, in die Anlage einzudringen, sämtliche Daten und einige andere Kleinigkeiten mitzunehmen und dann den Komplex zu zerstören.Dein Auftrag lautet, uns Zugang zu verschaffen. Der Eingang liegt getarnt in einem Wald, bewacht von fünf schwerbewaffneten Türmen. Ohne dich würden wir die Türme unter schwerem Beschuss zerstören, das würde aber etwas dauern und Ressourcen verbrauchen. Außerdem würden die Wachen durch den Alarm den Komplex versiegeln und in dieser Zeit Plasmapanzer und Raketeninfanterie anfordern, um uns zu erledigen. Du wirst das verhindern, denn ohne Posten kein Alarm, keine Versiegelung und damit nichts, dass uns aufhalten kann. Auf jedem Turm sitzt ein Posten hinter Panzerglas, aber das ist für dich ja kein Problem." Azrael deutete auf Kaldans Sniper-7.
"Du musst alle fünf Posten ausschalten, bevor einer von ihnen Alarm geben kann. Sie haben untereinander Funk- und Sichtkontakt, aber nachts sind sie etwas träge. Wegen der Energiewaffen gibt es keine Kameras, es geht also nur um die Posten. Die Entfernung wird etwa 1.500 bis 2.000 Meter betragen."
"Könnte klappen. Aber wieso ein Forschungskomplex des europäischen Militärs? Haben die Rebellen mehr bezahlt?" fragte Kaldan. "Nein, die Amerikaner." "Warum Europa verlassen? Was hat Luzifer vor?" "Großamerika bietet einige Großaufträge und bezahlt gut für europäische Forschung. Außerdem wollte Luzifer diesen Komplex schon immer zerstören." Azrael sprach leiser: "Die haben ihn künstlich erschaffen und dabei einige Fehler gemacht und er ist deshalb mächtig sauer. Sein erklärtes Ziel ist es, Herrscher über das Großeuropäische Reich zu werden, und das schafft er nur mit amerikanischer Hilfe." Kaldan erkannte die Situation, in der er sich befand: Er steckte mitten in einem Hochverrat gegen das Großeuropäische Reich, Luzifer lehnte sich gegen die größte Militärmacht des Planeten auf.

Kurze Zeit später landeten sie in einem Tal und stiegen dann auf einen Hügel, von welchem aus sie den Eingang zu dem Komplex und die Wachtürme erkennen konnten. Kaldan ging in Stellung, Lukin sicherte die Umgebung und die drei Todesengel gingen durch den dichten Wald in Richtung des Einganges. Die Posten waren durch das Zielfernrohr deutlich zu erkennen. Kaldan speicherte ihre Positionen und der Präzisionschip übergab die errechneten Daten an die Laufkorrektur und die Lenksteuerung der Patronen. Die Entfernungen betrugen 1.437 bis 2.063 Meter, was für ihn kein Problem war. Die Schwierigkeit lag darin, das es möglichst schnell gehen musste. Seine Wunschzeit lag bei zehn Sekunden, in dieser Zeit könnten die Posten selbst dann nur schwer Alarm auslösen, wenn sie Augenzeuge bei einem Treffer wären. Aber Kaldan rechnete eher mit fünf Sekunden pro Turm, also mit Puffer eine halbe Minute Präzisionsarbeit. Den entferntesten Turm hatte er bereits im Visier und der Posten war dank hochauflösender Optik bestens zu erkennen, als Luzifers Signal ihn erreichte. Jetzt lag alles bei Kaldan, er aktivierte das hydraulische Zweibein und sendete ihm die Turmkoordinaten. Eine letzte Schnellanalyse informierte ihn über die aktuellen Standpunkte der Posten in den anderen Türmen, dann wurde es ernst.

Turm 1 bei 2.063 Meter, der Posten blickte gerade mit dem Fernglas auf den dunklen Wald hinaus. Kaldan überprüfte kurz die letzten Daten, atmete aus und schoss. Sekunden später durchschlug die Kugel das Panzerglas und zerschmetterte den Schädel des Soldaten. Der Analysechip registrierte den Tod des Mannes und steuerte den Lauf zum nächsten Ziel.
Turm 2 bei 1.836 Meter, Laufausrichtung in 4,6 Sekunden. Die junge Soldatin saß gerade auf einem Stuhl und las in einer Zeitschrift, als das Geschoss das Panzerglas zersplittern ließ, den Hals der Frau durchschlug und sie fast köpfte.
Turm 3 bei 1.731 Meter, Laufausrichtung in 3,9 Sekunden. Der Posten stand gelangweilt an einem Radarschirm, als die Kugel seine Brust traf und ihn von den Beinen riss.
Turm 4 bei 1.594 Meter, Laufausrichtung in 5,3 Sekunden. Der Soldat sah mit einem Fernglas zu Turm 2 und schien etwas bemerkt zu haben. Zum Alarmknopf schaffte er es nicht mehr, denn eine Kugel traf ihn in den Kopf und riss ihm das halbe Gesicht weg.
Turm 5 bei 1.437 Meter, Laufausrichtung in 4,9 Sekunden. Im Turm war niemand zu sehen, Kaldan stutzte. Es war keine Bewegung zu erkennen, erst nach mehreren Momenten bewegte sich ein Türgriff einer Tür, die ihm vorher nicht aufgefallen war. Sie öffnete sich und der Mann trat heraus; Es war das Klo. Er schloss die Tür hinter sich und wurde in dem selben Moment von einer Kugel in die Wirbelsäule zwischen den Schulterblättern getroffen, blutend fiel er zu Boden und blieb regungslos liegen.

Luzifer empfing Kaldans Freigabe und verließ mit Azrael und Samael die Deckung, um das Eingangstor einzuäschern und in die Felsenfestung einzudringen. Hinter der mächtigen Haupttür konnte sie nichts und niemand mehr aufhalten, mehrere Tausend Soldaten verloren in den Korridoren und den schmalen Gängen ihr Leben. Samael holte aus den Laboren biologische, chemische und kybernetische Proben und Azrael lud gigantische Datenmengen aus dem Hauptrecher herunter. Luzifer schlachtete einige misslungene Genexperimente und deren Erschaffer ab, danach den Kommandanten des Komplexes.
Nach einer halben Stunde waren der Raubzug und das Gemetzel vorbei, und die Todesengel traten durch den Eingang wieder ins Freie. Dort standen Kaldan und Lukin gerade unter schwerem Beschuss und feuerten aus der Deckung heraus auf den nächtlichen, vom Mündungsfeuer mehrerer Dutzend Maschinen- und Plasmagewehre erhellten Wald, Raketeninfanterie und Plasmapanzer machten den Angriff komplett. Luzifer machte gleich weiter, wo er aufgehört hatte und mähte mit Flammenwerfer, Granaten und Maschinengewehren den Wald um das Tor herum nieder. Samael und Azrael stimmten in die Symphonie des Todes ein, und zu dritt sprengten sie die zwischen den brennenden, verkohlten und rauchenden Baumstämmen stehenden Plasmapanzer und Geschütze, deren Tarnung in Flammen stand. Nachdem sich der erste Qualm verzogen hatte, stürmte ein einzelner Raketenschütze aus einem Versteck und feuerte sein letztes Geschoss auf die Headhunter ab. Kaldan reagierte sofort und erschoss den Angreifer, aber die Rakete war abgefeuert und traf Lukin, der in zwei Teile gerissen wurde. Danach wurde es bis auf das leise Knistern einiger Feuer still.

Luzifer öffnete eine Steuerkonsole an seinem linken Unterarm und aktivierte einige Zünder. Gewaltige Explosionen erschütterten daraufhin die Erde und riesige Feuerbälle schossen in den Himmel und erhellten die Nacht. Dann wandte er sich an Kaldan: "Deinen Anteil bekommst du auf ein Isländer Nummernkonto. Wir werden zur Küste fliegen und mit einem amerikanischen U-Boot verschwinden. Und du solltest zurück nach Rüstung 1 gehen, immer Richtung Süden. Der TFJ ist kaum zu übersehen, wenn du erst wieder weit genug im Ghetto bist." Zusammen mit Azrael und Samael verschwand er dann im Wald, um mit dem Hubschrauber nach Norden in Richtung Küste zu fliegen, Kaldan glaubte nicht, dass sie es schaffen würden. Selbst, wenn vor der europäischen Küste ein feindliches U-Boot warten würde, müsste dieses noch den atlantischen Ozean durchqueren, und der stand immerhin zur Hälfte unter europäischer Kontrolle.

Aus dem Wald erhob sich ein Kampfhubschrauber und brach nach Norden auf. Im Süden waren Kampfjäger, Hubschrauber und schwere Kettenfahrzeuge zu hören, aber noch weit entfernt. Kaldan sah sich Lukin an, der in zwei Teilen auf dem Boden lag. Obwohl er ihn schon lange kannte, hatte er ihn nie als Freund betrachtet, das war bei diesem Job sehr hilfreich und auch üblich. Keine Trauer, kein Schmerz, nur die lästige Suche nach einem neuen Hintermann. Er nahm Lukins M-250, einige andere Waffen und persönliche Sachen an sich und warf einen Blick auf sein GPS. Es waren fast 100 Kilometer bis zum TFJ, davon 30 durch teilweise verseuchtes militärisches Sperrgebiet und tiefen Wald, der Rest durch das Ghetto: Das Land der Rebellen, brandschatzenden Banden, misslungener Genexperimente, Freaks, Sekten, Kannibalen und der Headhunter.