Robotic Greetings

Runkensteins Wortkatakomben

Texte aus den tieferen Gefilden des Verstandes
lustig - absurd - düster - kafkaesk - surreal - grotesk


Kannibalen


Der Raum im Keller des verlassenen Hauses war dunkel, nur durch das kleine und einzige Fenster des Raumes fiel etwas Mondlicht hinein. Mit dem Gewehr im Anschlag beobachtete Qait die Straße vor dem Haus, welche auf gleicher Höhe wie das Fenster lag. Vor dem Haus war keine Seele zu sehen, während in der Ferne einige schwere Geschütze donnerten. Er sah kurz auf die Uhr: Es war noch zu früh. Plötzlich hörte er leise Schritte auf der Kellertreppe, sofort richtete er sein G-3 auf die Tür und ging hinter einem Stapel Reifen in Deckung. Die Schritte im Flur wurden lauter und endeten direkt vor der Tür.
"Backbonecutter" sagte der Unbekannte, der sich durch diesen Geheimcode als Rek, Qait's älterer Bruder und Jagdgenosse, zu erkennen gab. "Komm rein" erwiderte Qait, dann betrat Rek den Raum.
An seiner hellen Kleidung erkannte man sofort, das er dem Clan der Killems angehörte: Auf die Armeejacke und -hose waren große Flicken aus Menschenhaut aufgenäht worden. Das machte sie während ihrer Beutezüge zwar schon von weitem erkennbar, aber Tarnung war im Clan verpönt. Die Killems sahen sich selbst als den Kopf der Nahrungskette, und das wollten sie auch zur Schau tragen. Damit machten sie sich zwar zur Zielscheibe für Soldaten, Headhunter und Rebellen, aber die einschüchternde Wirkung gegenüber allen anderen Menschen war enorm. Wer ihnen zufällig begegnete, flüchtete meist panisch; in Kneipen wurden sie schnell bedient, damit sie schnell wieder gehen konnten und beim Kauf von Munition und anderen Dingen mussten sie nur selten bezahlen.

"Warum hat das so lange gedauert?" wollte Qait sofort wissen. Rek sah ihn ernst an.
"Ich war noch auf dem Dach und hab den Clan angefunkt. Ein Scharfschütze hat Torak erwischt!".
"Verdammte Scheiße! Schon der dritte Killem in diesem Monat! Wenn ich einen dieser Headhunter in die Finger bekomme, schneide ich im jedes Körperteil einzeln ab!" Rek blieb ruhiger, er hatte Torek nie besonders gemocht, außerdem bedeutete das auch einen Mitesser weniger.
"Wir haben jetzt wichtigeres vor als Rache. Erst mal erledigen wir unsere Arbeit, dann müssen wir nach Toreks Fallen sehen. Wir sind erst übermorgen wieder im Clanbunker, also sollten wir uns ranhalten. Ich hab schon Hunger." Bevor Qait etwas erwidern konnte, piepste etwas an seinem Gürtel: Einer der Bewegungssensoren auf der Straße meldete Arbeit.
"Sie kommen. Auf Position." Rek schnappte sich die schwere, mit Gaspatronen gefüllte PROTOS-30 und eilte zum Fenster. Der Wagen war noch etwa hundert Meter entfernt, aber bereits zu hören. Nur wenig später konnte Rek das Fahrzeug auch erkennen: Ein üblicher, leicht gepanzerter Armeegeländewagen mit 20 mm-MG und drei Insassen; eine Standardpatrouille. Rek zielte und schoss, die Patrone durchschlug das Panzerglas des Wagens und füllte ihn in Sekunden mit Nervengas. Der Wagen geriet ins schleudern und prallte schließlich gegen eine Hauswand. Jetzt war Schnelligkeit angesagt: Rek und Qait setzten sich Gasmasken auf, stürmten aus dem Haus auf die Straße und zu dem Wagen, dessen Türen die Soldaten bereits geöffnet hatten. Der Fahrer saß tot im Wagen, Beifahrer und Schütze husteten und krochen auf der Straße herum, bis Qait ihnen die Kehlen aufschlitzte. Rek holte den Fahrer aus dem Wagen und ließ das lange Messer zur Sicherheit durch dessen Pulsadern gleiten. Dann rammten sie jeder Leiche einen großen Fleischerhaken in den Gaumen und schleiften sie am Boden zurück in den Keller.

In einem anderen Raum, der nicht in Richtung der Strasse lag, legten sie die Körper nebeneinander auf den Boden, dann konnte Qait seine unterdrückte Wut nicht mehr zügeln: "Wieso ist keine Frau dabei? Du hast gesagt, dass eine Frau dabei sein wird!"
"Ich hab gesagt, das vielleicht eine dabei ist. Reg dich nicht auf, vielleicht ist morgen eine dabei."
Qait explodierte. "Morgen? Ich will heute eine Frau haben!" Wütend war Qait unberechenbar, aber Rek hatte immer noch sein Messer in der Hand.
"Wenn du es eilig hast, nimm dir einen von denen, die wir hier haben, mehr kannst du jetzt nicht machen. Vielleicht ist ja was in Toreks Fallen dabei, aber bis dahin solltest du dich zusammenreißen!" Qait regte sich wieder ab, er schien sich an seinen Hunger erinnert zu haben.
"Vergiss es. Welchen nehmen wir aus?" Die Regel war, einen Körper sofort zu zerlegen, den Rest im Stück mitzubringen.
"Diesen." Rek deutete auf den linken der drei Toten. "Kräftig, aber nicht zu groß."

Qait zog die Leiche in die Mitte des Raumes, im Schein der aufgehängten Lampe schnitt er sofort Jacke, Hemd und Hose auf. Der junge Soldat war Mitte Zwanzig, etwa 1,80 groß und 85 Kilo schwer, seine Erkennungsmarke wies ihn als "Daniel Haart" aus, die Rangabzeichen deuteten auf einen Leutnant hin. Rek drehte den Soldaten um, nahm ein Skalpell aus der Tasche und schnitt erst quer von rechts nach links am unteren Ende des Rückens, dann folgte ein Schnitt entlang der Seite bis zur Schulter, dann weiter zum anderen Schulterblatt und schließlich wieder die Seite nach unten. Aus den Schnittwunden quoll das Blut, bis Rek an der Schnittstelle über die Schultern die Haut von den Muskeln trennte und sie dann langsam nach unten abzog. An einigen Stellen musste er nachschneiden, aber schließlich hielt er die gesamte Rückenhaut in den Händen. Seine Jacke hatte schon einige Jahre auf dem Buckel...

Qait nahm sich die schwere Fleischeraxt, die er aus einem überfallenen Versorgungslaster bei Nahrung 4 erbeutet hatte, und schlug mit zwei kräftigen Hieben die Füße kurz über den Knöcheln ab, um sie sofort ein eine Ecke zu kicken, denn niemand aus dem Clan aß sie freiwillig. Dann trennte er die Oberschenkel mit fünf Schlägen vom Rumpf, mit jedem Hieb spritzte eine Blutfontäne aus den tiefen Wunden und hinterlies rote Flecken an Jacken, Hosen, Boden und Wänden. Je einen Schlag benötigte Qait für die Arme, zwei Hiebe für den Hals. Schnell breitete sich eine große Blutlache aus, welche die beiden Killems aber nicht im geringsten zu beeindrucken oder stören vermochte. Während Qait die Gliedmaßen nebeneinander legte und dann begann, sorgfältig die Haut abzuziehen, nahm Rek sich den Rumpf vor. Zunächst machte er einen langen Schnitt vom Hals bis zum Penis, dann folgten drei Querschnitte, der erste von der linken zur rechten Schulter, der zweite folgte U-förmig dem Verlauf der unteren Rippen und der letzte ging unterhalb des Bauches von rechts nach links. Es trat weniger Blut als bei den ersten Schnitten auf dem Rücken aus, da das meiste sich inzwischen über den Boden verteilt hatte. Mit den Händen riss Rek die vier Hautstücke von Bauch und Brust und nahm sich dann eine Knochenzange, um das Innere des Brustkorbs freizulegen. Auf der linken und rechten Körperseite knipste er bis zur Achsel alle Rippen durch, um dann mit roher Gewalt das knöcherne Gitter nach oben zu biegen; lautes Krachen und das Splittern der restlichen Knochen hallte durch den Raum und durchbrach die Stille. Qait schaute nur kurz auf, um dann wieder sorgsam das wertvolle Muskelfleisch von den Knochen zu schälen.

Rek liebte den Moment, in dem er die letzten Muskeln wegschnitt und die Innereien vor ihm lagen wie ein Gemälde. Das Innere eines Menschen wirkte so vollkommen. Jedes Organ hatte seinen festen Platz im Körper und erfüllte seine Funktion meist ein ganzes Leben lang, manchmal auch darüber hinaus. Für Rek war es ein Vergnügen, diese natürliche Ordnung zu zerstören.
Sein Ritual begann immer mit dem Darm. Er war das unreinste aller Organe und deshalb völlig überflüssig. Mit beiden Händen griff Rek in den Bauch und zog die glitschigen, widerwärtigen Schläuche hinaus. Den Enddarm schnitt er durch, sofort verbreitete sich ein penetranter Gestank, an den er sich jedoch schon gewöhnt hatte. Dann durchschnitt er Venen und Arterien der Nieren und warf sie zusammen mit der am Harnleiter baumelnden Harnblase neben die Gedärme. Die Blase war wie immer völlig leer, dafür stank die in der Ecke liegende Hose umso schärfer nach Urin.
Bevor er die Leber entnahm, griff Rek in eine Tasche und holte einige Plastiktüten hervor, die im Gegensatz zu den Werkzeugen und Arbeitsmethoden der beiden Kannibalen fast steril wirkten. Sorgsam verpackte er dann das wertvolle Organ und verschloss die Tüte luftdicht, bevor er die Speiseröhre freilegte und zertrennte, um dann den Magen herauszureißen und zu den anderen Abfallorganen zu werfen.
Auch die Lungen trennte Rek sauber von allen Adern und der Luftröhre und verpackte sie dann vorsichtig in einem Beutel. Ihm lief bereits bei dem bloßen Gedanken an die Lungenbläschensuppe seiner Großmutter das Wasser im Munde zusammen.
Dann widmete er sich aber dem schmackhaftesten aller Organe: Das Herz. Schnell hatte er Aorta, Lungenarterie und obere Hohlvene durchtrennt und hielt das kostbare Organ in seinen Händen. Er drückte es zusammen, Blut spritzte heraus. Mit seinem Messer schnitt Rek es in der Mitte durch, um eine Hälfte zu essen, die andere bekam sein Bruder. Ein frisches, menschliches Herz war mit nichts anderem vergleichbar und das warme Blut machte den Geschmack erst vollkommen. Zudem hatte er heute noch nicht besonders viel gegessen.

Auch Qait war inzwischen fertig geworden und genoss jetzt seine Herzhälfte. Fleisch und Haut hatte er in Plastiktüten verpackt, die Knochen lagen daneben. Als er sich das letzte Stück auf der Zunge zergehen ließ, hielt Rek gerade den Kopf des toten Soldaten an den Haaren hoch und sah sich das Gesicht an. Die Augen waren weit aufgerissen, der Mund ein wenig geöffnet.
Als er und sein Bruder vor vielen Jahren ihren Vater das erste mal bei der Jagd begleiten durften, hatte er noch Mitleid gehabt. Er erinnerte sich noch genau an den Moment, als er zusah, wie sein Vater einem toten Soldaten, nicht älter als dieser hier, den Kopf abhackte und diesen an den Haaren hochhob, um ihn seinen Söhnen zu zeigen. "Nur Fleisch" sagte er damals wie heute, und "Wenn wir sie nicht essen, essen sie uns".
Die zweite Aussage war ein Witz, der einzige Witz, den sein Vater kannte. Die erste Aussage jedoch hatte bis heute ihre Gültigkeit behalten.
Nur Fleisch.
An diese zwei Worte erinnerte Rek sich immer, wenn er, wie jetzt, einen Kopf auf den Boden legte, sich darüber kniete, mit beiden Händen den Mund öffnete und dann den Unterkiefer abriss. Mit seinem Messer schnitt er die Zunge heraus und steckte sie in den Beutel mit der Lunge, denn auch sie landete in Streifen geschnitten in der Suppe. Dann nahm er ein kleineres Messer und stach es von der Seite hinter das linke Auge, um es auszuhebeln. Er durchtrennte den Sehnerv und warf das Auge nach seinem Bruder, der sich jedoch rechtzeitig ducken konnte. Beide grinsten, denn dieses Ritual kannten sie bereits seit ihrer Kindheit. Auch ihr Vater hatte immer mit Augen nach ihnen oder anderen Clanmitgliedern geworfen. Rek warf jedoch immer nur ein Auge.
Er griff wieder nach dem großen Messer und setzte die Spitze direkt über der Iris an. Langsam verstärkte er den Druck, bis die Oberfläche nachgab und die Klinge in das Innere des Auges vordrang. Dann drehte er die Klinge im Uhrzeigersinn und beobachtete fasziniert die austretende Gallertmasse aus dem Augeninneren. Auch das war ein Ritual aus seiner Kindheit, jedoch nicht eines von seinem Vater, sondern ein eigenes.
Manchmal, eher selten, vollzog er es auch lebenden Menschen, die er sich von der Straße geholt hatte.
Nur, um die Schreie zu hören.

"Es wird Zeit für den Kopf" sagte Qait, in der Hand hielt er bereits den Schädelspalter. Er gab das große, einer Zange für das knacken von Walnüssen ähnelnde Instrument Rek, der den Kopf auf den Boden stellte und den Schädelspalter oberhalb der Ohren ansetzte. die kleinen, dreieckigen Zähne der Ränder stachen durch die Haut und setzten auf dem Knochen auf, an den Wunden floss etwas Blut heraus. Dann presste er mit gut dosierter Kraft die zwei Griffe gegeneinander, bis ein lautes Krachen die Stille zeriss und die Haut aufplatzte. Rek legte die Spaltzange weg, hob an den Haaren die aufgebrochene Schädeldecke hoch und legte das Gehirn frei. Gerade wollte er die dünne Schutzhaut aufschneiden, um ein Stück des neuronenhaltigen Gewebes zu kosten, als ein Geräusch aus dem Treppenhaus ihn inne halten lies. Qait löschte sofort das Licht, er hatte es ebenfalls gehört.
Die Schritte stammten von zwei Menschen, welche sich im Treppenhaus nach oben bewegten.
"Headhunter?" fragte Qait, der von den schweren Tritten und vereinzelten Klappern auf eine umfangreiche Ausrüstung schloss.
"Fleisch", antwortete Rek.
"Wir haben schon Drei. Wie willst du die mitnehmen?"
"Wir verstecken sie und kommen morgen wieder."
"Und wenn es wirklich Headhunter sind?"
"Dann werden wir ab morgen mit Hightech auf die Jagd gehen."
Mit einem leisen Klicken schaltete Rek eine kleine Lampe an, in deren roten Lichtkegel sie ihre Gewehre schulterten und leise zur Treppe schlichen. Langsam und leise stiegen sie die Treppen hoch, das Licht reichte gerade so aus, um die Stufen zu erkennen. Im zweiten Stockwerk waren auf den Stufen die Spuren von zwei Personen im Staub zu erkennen, die Sohlen stammten von schweren Militärstiefeln. Rek schaltete die Lampe wieder aus. Ständig blickten sie nach oben, um einen Hinterhalt rechtzeitig zu erkennen.

Sie hatten fast den f?nften Stock erreicht, als aus dem Dunkel ?ber ihnen das schwache M?ndungsfeuer mehrerer schallged?mpfter Sch?sse aufblitzte. Die Patronen zerschmetterten Reks Gesicht und verteilten den Inhalt von Qaits Hinterkopf ?ber die Wand.