Robotic Greetings

Runkensteins Wortkatakomben

Texte aus den tieferen Gefilden des Verstandes
lustig - absurd - düster - kafkaesk - surreal - grotesk


Krieg ist die Hölle


Manche sagen, im Krieg wächst man über sich hinaus. Doch als ich nachts im Schützengraben lag und um mich herum die Welt explodierte, während ich lieber geschrumpft und im Erdboden versunken. Als dann die Explosionen verstummten, wusste ich, dass es schon zu spät war.
"Alle Mann aus den Gräben! Überrennt ihre Stellungen!" schrie ein Hauptmann, und schon waren wir draußen und rannten in den Nebel, hunderte verdreckter Gestalten, die von Bombentrichter zu Bombentrichter huschten, immer den Blick in den Nebel und die Dunkelheit gerichtet. Ich sah einige Schemen, warf ich mich hin, suchte Deckung hinter eine Leiche und starrte nach Westen. Als ich sie wieder sah, zielte und schoss ich mit meinem Karabiner; einer wurde getroffen, die anderen gingen in Deckung und eröffneten das Feuer. Da dann auch noch ein Maschinengewehr losratterte, nur zwanzig Meter von mir entfernt, war es schon zu spät. Der Schütze muss sich an meinem Mündungsfeuer orientiert haben, denn etliche Kugeln schlugen in der Leiche ein, andere trafen mich in Gesicht und Kopf.

Ich hasse diesen verdammten Drecksplaneten. Ich hasse diesen kleinen schmierigen Sektorengeneral, und am meisten hasse ich diese schleimigen Sagitarianer. Der letzte Angriff lag nur zehn Minuten zurück und hatte unsere halbe Kompanie niedergemetzelt, und jetzt rückten sie schon wieder vor. Nun lagen wir zwischen einigen großen Felsen verschanzt, richteten Sturmgewehre und Impulskanonen auf den Waldrand und beteten, dass die Luftunterstützung rechtzeitig hier ist, die vorher den halben Planeten umrunden musste. Als dann jedoch aus dem Wald die ersten Geschosse im hohen Bogen anflogen und gleichzeitig ein breites Laser-Sperrfeuer begann, kleine Löcher in die Felsen zu dampfen, wussten wir, dass es zu spät war. Chireng, Neal und Sak feuerten sofort etliche Salven heißen Plasmas zwischen die Bäume, wir anderen leerten die Gewehrmagazine im Dauerfeuer. Dann explodierte die Schattengranate genau zwischen uns. Ein heller Blitz, ein Knall, Sekunden später bildetete sich eine schwarze, wabbernde Kugel, die schnell größer wurde und uns alle verschluckte, bevor wir schreien konnten. Dann war alles schwarz und ich schwamm schwerelos in der Dunkelheit, während meine Haut zu brennen begann und der zähe Schleim in Magen und Lunge gepresst wurde. Der letzte Augenblick dauerte eine Ewigkeit, dann war es endlich vorbei.

Marschieren, marschieren, immer nur marschieren. Seit Monaten ging es immer nur geradeaus, erst über Fernstraßen, dann durch dichte Wälder auf Trampelpfaden. Das letzte Lager haben wir vor drei Wochen verlassen, seither marschieren wird durch die Wildnis. Natürlich für Rom. Schmerzen im ganzen Körper für Rom. Ich trage den Speer für Rom, das Schild für Rom. Wie lange war ich eigentlich schon nicht mehr in Rom? Wie gern wäre ich jetzt am Meer und nicht in diesem dunklen Wald. Auch ohne die Barbarenstämme würde ich hier nicht leben wollen.
Dann ganz unerwartet das Zeichen zum Halt. Für eine kurze Pause ist dies sicher der falsche Ort. Man  kann nur wenige Schritte in den Wald hineinsehen. Dann erst fällt mir auf, dass es nicht still ist. Jetzt, wo das scheppern und klirren der Rüstungen verklungen ist, höre ich knackende Äste in dem Dickicht zu meiner Linken. Es sind Schritte, viele Schritte von vielen Menschen. Barbaren! Ehe der Centurio den Befehl zur Defensive geben kann, brechen sie zwischen denn Bäumen hervor, riesige Krieger mit Fell- und Lederkleidung und seltsam geformten Helmen. Lautes Kriegsgeschrei ertönt, entschlossene und verzerrte Gesichter stoßen animalische Laute aus, Keulen und massive Klingen dreschen auf unsere Schilde ein. Blind stoße ich den Speer in die Barbarenmeute und treffe einen Wilden in den Bauch. Schreiend stürzt der Mann zu Boden, während ich mein Schwert ziehe und mit mehr Glück als Verstand eine lange und schwere Klinge abwehre. Bevor ich aber erneut zuschlagen kann, trifft mich der Barbar schräg am Hals und rammt das Schwert bis zum Herz. Ich falle nach hinten, während die Klinge aus meinem Körper gleitet und Sekundenbruchteile später in dem Schädel eines anderen Legionären steckt. Als letztes sehe ich den dämmernden Himmel zwischen den Bäumen über mir, blutverschmierte, keulenschwingende Wilde darunter und einen abgehackten Arm neben meinem Kopf. Dann Frieden und Stille; endlich sterbe ich für die Legion, den Imperator und für Rom.
Morituri te salutant.

Mein Blickfeld beträgt fast 180 Grad, direkt unter meiner Kanzel ragt das Geschütz zwei Meter aus dem Schiff. Vor mir, auf der Backbordseite, der Planet Eskeidon und mehrere Kriegsschiffe seiner Bewohner. Riesige, fremdartige Konstruktionen aus mehreren Asteroiden, Stahlverstrebungen, Zylindern, Pyramiden und langen Stacheln, an deren Ende Eismeteoriten aufgespießt sind. Seit mehreren Minuten galt roter Alarm, doch draußen blieb bis auf eine permanente Drehung der Schiffe alles ruhig. Dann ein Blitz in einem Krater eines fremden Schiffes und ein schnelles, glühendes Geschoss, das sich nähert. Eine Sekunde später der Angriffsbefehl; die schweren Schiffskanonen donnern los und die autonomen Gefechtsstände tauchen den Weltraum zwischen den Schiffen in zuckendes Licht. Die Salven meiner Kanone zertrümmern eine Querverstrebung zwischen zwei Asteroiden, doch der Schaden ist nur unerheblich. Kurz darauf schlägt eine gegnerische Salve ein, 100 Meter zu meiner rechten. Dann eine in siebzig, kurz darauf eine in dreißig Metern. Als mir klar wird, wo der nächste Schuss sitzen wird, blicke ich geradeaus und sehe ein weißes Licht auf mich zukommen, das mich Sekundenbruchteile später in der Plasmahitze verdampfen lässt.

Schüsse, unten am Wasser! Wir rennen durch den dichten Wald, Äste und Blätter peitschen uns in die Gesichter. Über große Wurzeln und Felsen geht es schräg den Berghang hinunter, dann schleichen wir durch Büsche direkt an den flachen Bach. Wir hören Explosionen von Handgranaten, das Gewehrfeuer schwillt an. Auf der anderen Seite treffen wir auf einige unserer Leute, die gerade ein MG bereit machen. Wir trennten uns, und nach einigen Metern durch das Gebüsch sah ich die grünen Helme der Amerikaner, die manchmal hinter einen dicken, umgestürzten Baum auftauchten und einige ungezielte Schüsse abgaben, während
sie gleichzeitig von allen Seiten beschossen wurde. Dann, noch bevor ich den ersten Schuss abgeben kann, trifft mich eine Kugel in den Kopf.

"Vater?"
"Ja, mein Sohn?"
"Ich habe heute einen Brief bekommen. Es ist meine Einberufung."
"Dann gratuliere ich dir herzlich, mein Sohn! Der Krieg wird dich zum Mann machen!"
"Und wenn ich nicht in den Krieg ziehen will? Ich möchte doch im Herbst mein Studium der Medizin beginnen."
"Kommt gar nicht in Frage! Wenn dein Vaterland dich braucht, drückt man sich nicht mit faulen Ausreden! Auch ich war im Krieg, und alle meine Brüder. Niemand in unserer Familie war jemals ein Feigling, und du wirst nicht damit anfangen! Und jetzt kein Wort mehr. Auch du wirst in den Krieg ziehen!"
"Jawohl, Vater."
Nein, gedrückt hat sich in meiner Familie noch keiner vor dem Krieg. Aber das all meine Onkel in fernen Ländern gefallen sind, scheint Vater vergessen zu haben.

"Herr Präsident, es ist jetzt Zeit zu handeln! Wenn wir länger warten, wird es zu spät sein!"
Der Stabschef war deutlich erregt.
"Wie ist der Stand der Verhandlungen?" wand sich der Präsident an seinen Berater, den Stabschef ignorierend.
"Da ist nichts mehr zu machen, Herr Präsident. Die haben die Verhandlungen für gescheitert erklärt."
"Wie ist die aktuelle Situation?" fragte er anschließend den Kriegsminister.
"Der Feind rückt weiterhin vor. Die meisten unserer Verbündeten haben sie bereits überrannt, und wir haben Bestätigungen für mindestens drei Einsätze von Nuklearwaffen. Der Stabschef hat recht, wir müssen sofort handeln. Die Streitkräfte des Feindes bewegen sich sehr schnell vorwärts und hinterlassen nur verbrannte Erde. Gefangene und Verwundete werden sofort erschossen, und die Berichte über Massaker an der Zivilbevölkerung mehren sich. Unsere Satelliten haben mehrere hundert brennende Leichenberge in allen eroberten Gebieten ausgemacht, und es werden ständig mehr."
"Herr Präsident, diese Tiere verstoßen gegen alle internationalen Verträge der letzten drei Generationen!" mischte sich wieder der Stabschef ein, natürlich verschweigend, dass internationale Verträge für ihn während seiner langen militärischen Karriere eher theoretische Denkmodelle als gültiges Recht waren.
"Wenn die uns vernichten wollen, müssen wir ihnen zuvorkommen!"
"Was ist mit den konventionellen Waffen?" fragte der Präsident den Verteidigungsminister, fast sicher wissend, dass er nicht das hören würde, was er hören wollte.
"Die würden nicht reichen. An unseren Grenzen könnten wir sie vielleicht einige Stunden, wenn nicht gar Tage aufhalten, aber der Feind hat bereits enorme Mengen an Material in Gang gesetzt. Zudem fehlen uns die Soldaten, selbst die Generalmobilmachung hat uns nicht ausreichend gestärkt. Die Epidemien und Aufstände der letzten Monate haben unsere Reserve an Menschenmaterial erheblich geschwächt. Uns bleibt keine andere Wahl. Wir müssen die Nuklearwaffen verwenden."
"Denkt den wirklich niemand von ihnen an die Folgen?" fragte der Berater in den Raum.
"Auf einen Atomschlag wird ein Gegenschlag erfolgen, das ist das Gesetz dieser noch bestehenden Welt. Ihre Führer werden sich nicht die Blöße geben und einen nuklearen Erstschlag nicht entsprechend beantworten. Warum spricht keiner von ihnen das Wort aus, das unserer Nation die Zukunft in einem verseuchten Land ersparen kann?"
"Sie meinen Kapitulation? Das kommt nicht in Frage. Unser Land würde zerschlagen werden, zu Protektoraten des Feindes und seiner Verbündeter, ohne Aussicht auf eine bessere Zukunft. Und uns wird man hinrichten, das ist ihnen doch klar, oder?"
"Also lieber die totale Vernichtung als ein Leben in einer ein bis zwei Generationen andauernden Besatzung? Wenigstens unsere Enkel könnten frei sein…" meinte der Berater, immer leiser werdend und mehr an sich selbst als an die anderen gerichtet.
"Ich werde nicht der Präsident sein, der sein Land verraten und widerstandslos an den Feind übergeben hat!" sprach der Präsident, und in seinen Worten war eine bedrohliche Entschlossenheit zu hören, zum ersten mal seit Beginn des Krieges.
"Bereiten sie alles vor!" sagte er an den Stabschef gewand. "In einer halben Stunde werden in den Befehl zum Abschuss geben.
"Jawohl, Herr Präsident!"
"Bitte entschuldigen sie mich" sagte der Berater, nachdem er aufgestanden war und zur Tür ging.
"Wenn dies der Anfang von Ende ist, werde ich jetzt nach hause zu meiner Familie fahren. Meine Kinder brauchen mich jetzt nötiger als sie. Leben sie wohl."