Robotic Greetings

Runkensteins Wortkatakomben

Texte aus den tieferen Gefilden des Verstandes
lustig - absurd - düster - kafkaesk - surreal - grotesk


Umgekehrte Schöpfung


Es war ein ganz normaler Montagmorgen für Michael. Die Alpträume der letzten Nacht lagen hinter und eine neue Woche vor ihm. Nur kurze Zeit später beschlich ihn jedoch ein seltsames Gefühl; er spürte, dass sich etwas geändert hatte. Beim Löffeln der Corn Flakes schien es ihm, als würde der Löffel sich von selbst bewegen. Als er ihn beiseite legte, geschah etwas Merkwürdiges: Der Löffel erhob sich plötzlich in die Luft, tauchte in die Corn Flakes ein und bewegte sich dann zu seinem Mund. Er hatte nur daran gedacht. Auch mit anderen Dingen, die klein genug waren, funktionierte es. Zwar flog ab und zu auch mal etwas unbeabsichtigt durch die Luft, aber so etwas konnte ja mal passieren. So ließ er dann den ganzen restlichen Tag irgendwelche Sachen durch die Luft fliegen.

Am Dienstag probierte er sofort aus, ob er über Nacht seine Fähigkeit nicht vielleicht verloren hatte, doch sie war noch immer da, war sogar stärker geworden. Er konnte jetzt problemlos Stuhl oder Tisch durch den Raum schweben lassen. Gerade als er das Rollo öffnete, sah er einen Ast von einem Baum fallen. Die unbeabsichtigten Bewegungen schienen auch stärker geworden zu sein. Er musste das heute unbedingt unter Kontrolle bekommen. Besonders da in der Schule plötzlich ein Stuhl durch den Gang flog und einem Mitschüler die Schulter brach. Auch auf dem Heimweg flogen immer wieder Dinge über die Straße, ein Grill zertrümmerte die Frontscheibe eines parkenden Autos. Nachmittags versuchte er, die unerwünschten Bewegungen unter Kontrolle zu bekommen, doch es gelang ihm nicht.

Am Mittwoch wurde er durch einen dumpfen Schlag gegen die Wand wach. Noch während des Aufstehens öffnete er berührungslos das Rollo und sah aus dem Fenster. Schon wieder lag ein Ast draußen, diesmal aber sehr viel größer und schwerer als der erste. Auf dem Weg zur Schule entdeckte er, das er sich selbst schweben lassen konnte, und so wählte er den Luftweg. Michael stieg auf 200 Meter und konnte von hier er auch die Auswirkungen seine Kraft sehen: Kreisförmig um ihn über dem Boden schwebten überall Dinge durch die Luft, einige schossen geradezu über Straßen, Garten und Häuser. Als er in der Nähe der Schule wieder landete, flog ein Hund an ihm vorbei. In der Schule dann wieder das übliche Spiel: Alle möglichen Gegenstände flogen durch Gänge und an den Fenstern vorbei. Über nichts anderes wurde mehr geredet, man vermutete bereits einen Poltergeist. Als dann die ersten Schüler und Lehrer abhoben, war die Panik perfekt, die Schule wurde für den Rest des Tages geschlossen. Zu hause sah Michael nach einem Blick in die Zeitung, daß er bereits die ganze Stadt unter seiner Kontrolle hatte. Es wurde über verletzte Menschen berichtet, zerbrochene Fenster, getötete Tiere und allgemeines Chaos.

Der Donnerstag war schulfrei. Kein Wunder, denn die Welle der Zerstörung hatte sich inzwischen über ganz Deutschland ausgebreitet, und sie war noch stärker geworden. Inzwischen gab es Tote, welche von Autos, Dächern oder Bäumen erschlagen worden waren und über Radio und Fernsehen wurde die Bevölkerung davor gewarnt, ihre Häuser zu verlassen. Michael wagte es trotzdem, in die Innenstadt zu gehen. Die Fußgängerzone war wie ausgestorben, am Himmel flog fast alles, was nicht größer als ein Haus war. Seltsame Geräusche lagen in der Luft. Als er von hinten etwas näherkommen hörte, warf er sich instinktiv auf den Boden, aber nichts passierte. Er drehte sich um und sah einen verbeulten Mercedes in der Luft hängen, keine drei Meter von ihm entfernt. Plötzlich schoss dieser in die Luft, stieß mit einem vorüberfliegenden Traktor zusammen und verschwand dann in den Wolken, um einige Sekunden später ungebremst auf einem Dach einige hundert Meter von ihm entfernt aufzuschlagen. Das passierte ihm noch einige Male, als würden diese leblosen Gegenstände ahnen, das er die Ursache von allem war, und ihn deshalb verschonen. Auf seinem Weg traf er nur drei andere Menschen, und die lagen in großen Blutlachen auf dem Boden. Einem waren Arme und Beine ausgerissen, eine Frau hatte ein riesiges Stück einer Schaufensterscheibe in Kopf und Bauch stecken. Bei dem dritten Körper konnte man gerade noch erkennen, das es ein Mensch war. Als Michael auf dem Marktplatz ankam, sah er einen älteren Mann um sein Leben rennen, verfolgt von einem ausgerissenen Baum. Eine Straßenlaterne schlug ihm unvermittelt die Beine weg, ein langer, spitzer Ast bohrte sich Sekunden später durch seinem Kopf.
Wieder zu hause schaltete Michael sofort den Fernseher ein, inzwischen wurde über hunderte von Toten berichtet. Die Arbeit für Feuerwehr und Sanitäter war lebensgefährlich geworden, sie konnten aber auch nicht mehr tun als die Toten in Säcke zu packen.

Der Freitag würde wie der Donnerstag schulfrei sein. Das wurde Michael klar, als er die Schule aus etwa einem Kilometer Höhe runterfallen sah. Im Fernsehen liefen ständig Sondersendungen über das Phänomen, welches sich über ganz Europa ausgebreitet hatte und schon in den Weltraum reichte. Viele Satelliten waren nicht mehr unter Kontrolle und auch der Weltraumschrott verließ seine üblichen Bahnen. Auf der Erde waren zum größten Teil Häuser betroffen, doch auch Flugzeuge, Schiffe und vereinzelte Ölbohrinseln waren zu sehen. Als Michael einen kurzen Blick aus dem Fenster warf, hatte er einen unerwarteten Anblick: Am Horizont schwebte ein amerikanischer Flugzeugträger. Die Nachrichten berichteten von zehntausenden Toten, dazu über zweihunderttausend Verletzte. Michael wurde klar, dass er ein Massenmörder geworden war, wenn auch nicht absichtlich. Er war verantwortlich für den Terror, der schon so viele Menschen getötet hatte. Er dachte über Selbstmord nach, hatte aber zu viel Angst davor. Vielleicht konnte er sich und seine Fähigkeiten mit Drogen betäuben. Also holte er sich einige Flaschen Schnaps, drehte sich einen Joint und beförderte sich in tiefe Bewusstlosigkeit.
Abends wachte er mit starken Kopfschmerzen auf, die vom Schnaps stammten. Er schaltete den Fernseher ein, um zu erfahren ob die Tortur etwas genutzt hatte, wurde aber enttäuscht. Inzwischen waren Gebiete außerhalb Europas betroffen, die Toten wurden auf nun eine halbe Millionen geschätzt, die Verletzten waren unzählbar geworden. Michael trank den restlichen Schnaps aus den Flaschen und schlief wieder ein.

Am Samstag wachte Michael erst gegen Mittag auf. Sein Kopf dröhnte, sein Magen brannte. Die Nachrichten zeigten, was er befürchtet hatte: Die ganze Welt war betroffen. Sogar der Mond schwankte in seiner Bahn, während auf der Erde der Weltuntergang begonnen hatte. Riesige Bauwerke, darunter Pyramiden, Wolkenkratzer und Burgen, hatten sich in die Luft erhoben, um meist auf bewohntes Gebieten zu stürzen. In Moskau war eine Pyramide an der Stelle, an der vormals der Kreml stand, dieser hingegen lag nun halb zerstört im New Yorker Central Park. Die große chinesische Mauer war über den nahen Osten verteilt und der Eiffelturm hatte einige Hochhäuser in Tokio aufgespießt.
Doch die Gefahr kam nicht nur von oben, sondern auch von unten. In allen bekannten Erdbebengebieten hatte man bereits gestern kaum spürbare Beben gemessen, doch heute brach die Hölle los. Los Angeles und San Francisco lagen bereits in Trümmern, in Europa und Asien gab es bereits starke Vorbeben. Auch die Vulkane hatten ihren gemeinsamen Höhepunkt erreicht und brachen weltweit fast gleichzeitig aus, selbst die bisher inaktiven. Die Explosionen waren auf der ganzen Welt zu vernehmen, riesige Lavaströme strömten in die Täler und die Asche verdunkelte den Himmel. Die Anzahl der Toten wurden inzwischen auf über zwei Milliarden geschätzt. "And the Doomsday is going on", fiel Michael eine Zeile aus einem bekannten Song ein. Er hatte keine Ahnung, was er jetzt noch tun sollte. Selbstmord hatte er bereits ausgeschlossen, also setzte er sich an seinen Computer und spielte ein Flugzeugspiel. Er wußte nicht, dass das Spiel zur Realität wurde und zur gleichen Zeit in einer amerikanischen Militärbasis ein Stealth-Bomber mit einer Atombombe abhob und Richtung Moskau flog. Aber er war bisher immer an der Flugabwehr gescheitert. Vielleicht würde es heute klappen.

Am Sonntag wurde Michael durch einen ohrenbetäubenden Lärm geweckt. Das ganze Haus wurde erschüttert, aber er blieb dennoch ruhig. Der Weltuntergang war beschlossene Sache und er würde ihn sicher nicht verpassen, also ging in den Garten, wo es noch halbwegs friedlich war. Dort ging sein Blick zwangsweise in den Himmel, denn der Mond hatte die dreifache Größe des normalen Vollmondes erreicht, man konnte ihm bei weiteren Wachsen sogar zusehen. Es war ein einzigartiges Schauspiel und bestimmt auch das letzte, welches die Menschheit erleben durfte.
Michael starrte den Mond an und versuchte ihn mit seinen Kräften aufzuhalten, doch gelang es ihm nicht. Den russischen Panzerkreuzer, der sich zwischen ihn und den Mond schob, konnte er jedoch mühelos bewegen, ein einfacher Gedanke reichte völlig aus. Michael drehte das Schiff und schleuderte es dann zum Mond, wo es innerhalb von Sekunden auch ankam, man konnte es deutlich in einem Krater liegend erkennen.
Je näher den Mond kam, desto langsamer schien die Zeit zu verstreichen. Er trat in die Erdatmosphäre ein und bedeckte einen riesigen Teil des Himmels, schnell wurde es dunkler, die letzten Sekunden schienen eine Ewigkeit zu dauern. Der Mond erfasste den gesamten Himmel, ein starker Wind kam auf, die Schrift auf dem Schiff wurde wieder lesbar, einzelne Felsen auf dem Mond waren zu erkennen, dann spürte Michael für den winzigen Bruchteil einer Sekunde, wie sich sein Gesicht in die kochende, geschmolzene Masse aus Mondsand grub.